I – 6 – Der Umschlag vom Mythos ins Reale
1 – 6 Der Umschlag vom Mythos ins Reale – Die Entscheidung sich mit der eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen ist also eine schwierige Entscheidung. Sie kann dein Leben ändern. Du kommst an einen Punkt, von dem es kein Zurück mehr gibt. Das ist der Moment, wo du die Realität begreifst, und von da an, willst du wissen. Du willst raus aus dem Nebel.
Der Künstler und Filmemacher des Dockumentarfilms „Shoah“ Claude Lanzmann nannte diesen Moment „Das Kippen vom Mythos ins Reale“. Lanzmann schrieb: „Treblinka existierte. Ein Dorf namens Treblinka existierte. (…) Ich wollte eigentlich nicht nach Polen. Ich war voller Hochmut dort angekommen, überzeugt, dass ich diese Reise nur unternahm, um mich zu vergewissern, dass ich gut darauf verzichten und schnell zu meinen alten Vorstellungen zurückkehren konnte. Tatsächlich war ich schwer beladen gekommen, vollgestopft mit dem Wissen, das ich mir in den vorangegangenen vier Jahren durch Lektüre, Nachforschungen und sogar beim Drehen (wie im Fall Suchomel) angeeignet hatte; ich war eine Bombe, allerdings eine harmlose: der Zünder fehlte. Treblinka setzte die Bombe in Brand, ich explodierte an diesem Nachmittag mit ungeahnter, verheerender Gewalt. Wie soll ich es sonst nennen? Treblinka wurde wahr, und der Umschlag des Mythos ins Reale traf mich wie ein Blitz…“ (Claude Landzmann; Der patagonische Hase, 2012)