Europas Menschen durchlebten Tyrannei, Weltkriege, Genozide, Grenzverschiebungen und Bürgerkriege.
Wir sollen unsere Familiengeschichte bewahren. Aber wie geht das?
Ich stelle Prinzipien und Voraussetzungen für das Erforschen von Familiengeschichte vor:
Geschichte ist in uns gegenwärtig – Sie ist eine Erfahrung in uns und hat wesentlichen Einfluss auf unsere Handlungen. Geschichte ist die Verursacherin von Triebkräften in uns. Und das gilt besonders dann, wenn wir Extreme durchleben. Das Gedächtnis der Menschheitsgeschichte liegt im privaten Sektor und dort sollte man es auch erforschen. Individuelles und universales Geschichtsbewusstsein stärkt die Selbstbestimmung, die Handlungsfähigkeit und die Urteilskraft des Menschen.
Foto: Kindheit in Westböhmen im Jahr 1933
Das Individuum steht im Zentrum der Ereignisse –
Jedes Individuum hat seine eigene Geschichte, aber die Erinnerungen derer, die verfolgt wurden und totalitäre Regime überlebten, sind oft – und wenn überhaupt – aus der Perspektive erzählt, in welche die Menschen hineingezwungen wurden. Im Foto sehen wir den französischen Schuhmachermeister André Mazingue in der Zwangsarbeit im Arbeitslager Stalag VIII a in der deutschen Stadt Görlitz.

Wenn du die Lebensgeschichte eines Menschen rekonstruierst, fängst du bei dem an, was du von dem Menschen findest, was von ihm übrig geblieben ist. Das kann zum Beispiel eine Blechkarte aus einem Zwangsarbeitslager sein. Oder du besuchst einen historischen Ort, wo dein Grossvater war, und so stellst du den globalen und individuellen Zusammenhang des Menschen, der verdinglicht und entmenschlicht wurde, wieder her. „Ich war grade in Dunkerque“ erzählte mir kürzlich erst ein Freund, „da wo André mit tausend anderen Soldaten verhaftet worden ist. J’ai passé quelques heures sur la plage historique. J’ai pleuré. Biensur, j’ai pleuré. L’homme peut être tellement dépourvu d’humanité. Jetzt habe ich beide Seiten gesehen. Dunkerque, die Verhaftung und Görlitz, die Gefangenschaft.“ Jean Paul Ledun, Enkel von André Mazingue
Das Zeitalter der Extreme –
Die Rekonstruktion einer Familiengeschichte im Zeitalter der Extreme in Europa im 20. Jahrhundert stellt die Extreme in uns während wir forschen, wieder her. Wir müssen die Extreme der Vergangenheit am Schreibtisch, an den realen Orten des Geschehens und in unseren Träumen in der Nacht durchleben. Jede Geschichte hat in der Extreme ihre eigene verdichtete Komplexität in uns. Und darüber müssen wir uns bewusst werden.

Kindheit in Ostfrankreich 1935
Zum Beispiel: in den Täterfamilien wurde die Extreme in der Regel trivialisiert. Ein Kind, dass von einer Sphäre der Verharmlosung von Verbrechen im Alltag umgeben ist, hängt an den Mythen fest. Es wird, umso näher der Verdacht des Verbrechens in die Familie eindringt, umso sorgfältiger den Vorhang vor dem Verbrechen schliessen. Man sieht dann die Extreme nicht. Zieht man beim Forschen Jahrzehnte später den Vorhang zurück, stürzt man sofort in den Abgrund. Aber selbst der Mythos ist nicht nur ein Zudecker, sondern auch ein verdrehter Erinnerer.
Foto rechts: deutsche Besatzer in Ostfrankreich 1943; Quelle: Dépôt central des archives de la justice militaire (DCAJM) in Le Blanc https://lannuaire.service-public.gouv.fr/gouvernement/9bdb4a96-76ac-4050-b044-a39f015fa9ce
Psychologische Stumpfheit – konstatierte der Psychiater und medizinische Gutachter der Verfolgten William G. Niederland bei den Deutschen gegenüber den Opfern, als es um deren Entschädigungen für die Haftschäden in Konzentrationslagern vor den deutschen Sozialgerichten ging. Diese Feststellung habe ich mir gemerkt. Ich spürte sofort, dass Niederland mit Stumpfheit einen zutreffenden Begriff gefunden hatte, der ein Syndrom bei den Deutschen beschrieb, die den Alltag des Massenmordes erlebt und mitgeschaffen hatten. Im Foto rechts: William Niederland im Jahr 1940.

Henry Krystal
Henry Krystal, 1925 geboren in dem schlesischen Dorf Sosnowiec, Sohn von Hermann Herschel und Devorah Grossman, wurde von den Deutschen 1942 als Arbeitssklave in den Stahlwerken Strachowice bei Wroclaw eingesetzt, bis er dann 1944 in das etwa 200 Kilometer entfernte Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurde. Krystal überlebte und wanderte nach Amerika aus. Er wurde Psychiater und prägte zusammen mit den Kollegen Robert Jay Lifton, Ulrich Venzlaff und William G. Niederland die Theorie vom Überlebendensyndrom (1966), die uns heute als die Posttraumatische Belastungsstörung bekannt ist.
„Traumatisierte Menschen leiden an einem gesteigertem Erinnerungsvermögen. Hypermnesien sind beispielsweise, überscharfe und mit starkem Affekt geladenen Erinnerungen, ein Gefühl des ständigen Bedrohtseins, die Zermürbung des Personenganzen, häufig akute Todesangst, die generelle Verunsicherung der mitmenschlichen Bezüge, die Überflutung des geistigen Ich-Gefüges durch den unaufhörlichen Ansturm von Beschimpfungen, Verleumdungen und Anschuldigungen.“
William G. Niederland; Psychiater der Verfolgten; ein Portrait, Autorin: Wenda Focke, Würzburg, Verlag Königshausen und Neumann, 1992
Niederland, William G.; Folgen der Verfolgung: Das Überlebenden Syndrom. Seelenmord. Edition Suhrkamp. Frankfurt Main, 1980,
Fotos @Wenda Focke
Wenn wir im Verdrängungsraum forschen, brauchen wir Freunde –
Es ist nur wenigen gelungen, sich von der Prägung durch die Extreme, die die Freiheit im Keim zu ersticken sucht, zu befreien, indem sie ihre Stimmen erhoben. Unter anderen gehörten zu ihnen die Theoretikerin Hannah Arendt, sowie Künstler wie Claude Lanzmann, Psychiater wie Henry Crystal und William G. Niederland, Schriftsteller und Historiker wie Imre Kertesz, Primo Levi, Saul Friedländer, Alexander Solschenyzin, Alexander Mitscherlich, Ossip und Nadeshda Mandelstam, sowie die belgische Filmemacherin Chantal Akerman. Akerman starb am 5. Oktober 2015 im Alter von 65 Jahren in Paris durch Suizid.

@picture alliance /akg images / Marion Kalter
Akerman im Jahr 1985
Die Werke dieser Menschen haben uns über die realen Ereignisse aufgeklärt und moralisch orientiert. Wir stehen heute nicht hilflos da, wenn sich neue Diktaturen ausbilden und moderne Totalitarismen etablieren. Wir haben eine Medizin, um diese Krankheit zu heilen.
Im Foto: @faz / der französische Filmemacher und Direktor des Dokumentarfilms „Shoah“ Claude Lanzmann (1925-2028) im Jahr 1985.
1 – 6 Der Umschlag vom Mythos ins Reale – Die Entscheidung sich mit der eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen ist also eine schwierige Entscheidung. Sie kann dein Leben ändern. Du kommst an einen Punkt, von dem es kein Zurück mehr gibt. Das ist der Moment, wo du die Realität begreifst, und von da an, willst du wissen. Du willst raus aus dem Nebel.
Der Künstler und Filmemacher des Dockumentarfilms „Shoah“ Claude Lanzmann nannte diesen Moment „Das Kippen vom Mythos ins Reale“. Lanzmann schrieb: „Treblinka existierte. Ein Dorf namens Treblinka existierte. (…) Ich wollte eigentlich nicht nach Polen. Ich war voller Hochmut dort angekommen, überzeugt, dass ich diese Reise nur unternahm, um mich zu vergewissern, dass ich gut darauf verzichten und schnell zu meinen alten Vorstellungen zurückkehren konnte. Tatsächlich war ich schwer beladen gekommen, vollgestopft mit dem Wissen, das ich mir in den vorangegangenen vier Jahren durch Lektüre, Nachforschungen und sogar beim Drehen (wie im Fall Suchomel) angeeignet hatte; ich war eine Bombe, allerdings eine harmlose: der Zünder fehlte. Treblinka setzte die Bombe in Brand, ich explodierte an diesem Nachmittag mit ungeahnter, verheerender Gewalt. Wie soll ich es sonst nennen? Treblinka wurde wahr, und der Umschlag des Mythos ins Reale traf mich wie ein Blitz…“ (Claude Landzmann; Der patagonische Hase, 2012)
Sprache und Komplizenschaft –
Familien werden durch mythisch aufgeladene Narrative zusammengehalten. So verhindert man, dass sie durch eine Diskussion über ethische Fragen zerbrechen. Der Mörder ist zum Beispiel immer noch ein Held. Die Familie wird in einem Koordinatensystem ausserhalb einer ethischen und rechtlichen Bindung fixiert in dem die Zwangsarbeit und das Morden als Realität etabliert wird. Die Familie, die naturgegeben ein heterogener sozialer Zusammenhang ist, wird somit in einen festen Klumpen verwandelt. Jedes einzelne Individuum wird durch die passive Mittäterschaft korrumpiert. Sie werden unheilvoll miteinander als Gruppe verschweißt. Die Komplizenschaft mit denen, die gewaltsame Kontrolle über das Leben der Anderen ausübten, wird auf diese Weise über Generationen hinweg gehalten. Sprache kann eine die Freiheit einschränkende Funktion haben. Sie wird dazu benutzt, den anderen kleinzuhalten und zu kontrollieren über Jahrzehnte hinweg.
Die Erfahrung steckt in unseren Zellen fest –
Die experimentelle Künstlerin und Filmemacherin Chantal Akerman filmte in Russland Passanten, die auf einen Bus warteten. Dabei deckte sie gleich ein doppeltes Geheimnis auf. In jeder Zelle von ihr, sagte Akerman, läge Wissen, obwohl ihre Mutter ihr nie vom Leben in Auschwitz erzählt habe. Akerman entdeckte im Osten nicht nur die Geschichte ihrer Mutter in sich wieder, sondern sie hielt in ihrem Film D’Est zugleich die Realität der bleiernen Sphäre einer totalitären Ideologie fest, die in den Menschen selbst lag, die sie filmte. Sie zeigte im Bild, wie die Menschen den Raum des Totalitären schaffen, eine Atmosphäre der vollkommenen Machtlosigkeit als Wirkung des totalitären Regimes, die weiterhin in ihren Körpern steckt.
https://nofilmschool.com/2015/10/5-lessons-indie-director-chantal-akerman-can-teach-about-filmmaking
Der russische Dichter Ossip Mandelstam, der ein Kritiker der russischen Revolution war, von Stalin verfolgt und zur Zwangsarbeit nach Sibirien deportiert wurde, schrieb über die Dichterkollegen und Intellektuellen der Sowjetunion, die den Stalinismus als Karrieremöglichkeit oder als Traum umarmten:
“Stalin muss keine Köpfe abschneiden. Sie fliegen von selbst weg wie Pusteblumen.”
Nadeszda Mandelstam; Hope against Hope; a memoir; London, Harvill Press 1999
Ossip und Nadeshda Mandelstam
„Für das Recht zu leben“, schrieb Nadeszda Mandelstam, „musste man der Ideologie und dem vorherrschenden Stil gebührenden Tribut zollen. Alarmiert war man nur, wenn diejenigen, die dies taten, trotzdem getötet wurden. Die Menschen waren Mandelstam gegenüber ziemlich gleichgültig. Diejenigen, die ihren Teil nicht lieferten, wurden nicht in den Überbau aufgenommen. Alles, was sie sich erhoffen konnten, war dann eine Koje in einem Arbeitslager, obwohl es in unseren Lagern, wie in den deutschen, nicht einmal Kojen gab, sondern nur nackte Bretter.“ Nadeszda Mandelstam ;https://www.youtube.com/watch?v=T5ARWfrzOQk
Im Foto rechts: Nadeshda Mandelstam (1899-1980) in den 1970er Jahren in ihrer Wohnung in Moskau
Leben im Verdrängungsraum – Täterfamilien
Man entwickelt als Kind im Verdrängungsraum zwar ein Gefühl dafür, dass gelogen wird, aber man bekommt dennoch keinen Zugriff zur Realität oder zu einer Wahrheit. Die Lüge kann selbst als Lüge bestehen, solange sie nicht widerlegt ist. Die gewalttätige Realität, die hinter ihr steckt, bleibt im Dunkeln. Das bezweckt sie und das erreicht sie zunächst auch. In den Erzählungen von J. kamen die Opfer deutscher Massenverbrechen während des deutschen Nationalsozialismus nicht vor. Die gewalttätige Realität des Verbrechens und der Lügen muss wie eine Fiktion auf das Kind gewirkt haben. Dabei gab es für das Kind einmal eine Welt, wo das Leben noch real war.
Leben im Verdrängungsraum bei repressierten Familien
Man kann dieses Problem der Verleugnung aber auch im umgekehrten Fall haben, wenn nämlich Vorfahren nicht Täter sondern Opfer eines repressiven Regimes wurden, und der Staat in der Kontinuität der repressiven Vergangenheit steht. Das können wir heute in der Russischen Föderation beobachten. In der negativen Kontinuität steht dann nicht nur die Regierung, sondern oft auch durch den Staatsrevisionismus der Geschichte die Gesellschaft im Allgemeinen selbst. Es wird keine öffentliche Sprache für die Verbrechen ermöglicht und die Familien der Opfer der staatlichen Repression schämen sich dafür, dass ihre Vorfahren im Gefängnis waren, in Kellern erschossen wurden oder in den Gulags Zwangsarbeit leisten mussten.

Die Wahrheit kennt jeder. Sie kann nicht unterdrückt werden, aber sie bleibt stumm. Sie bleibt als eine im Raum stehende versteinerte Realität. Und dafür steht das Mahnmal der „Solowetzki Stein“ in Moskau, in dem folgende Gedenkinschrift eingraviert wurde:
„Этот камень с территории Соловецкого лагеря особого назначения доставлен обществом <Мемориал> и установлен в память о миллионах жертв тоталитарного режима
30 октября 1990 года в День политзаключённого в СССР“
„Dieser Stein aus dem Gebiet des Sonderlagers Solowezki wurde von der Gesellschaft „Memorial“ bereitgestellt und zum Gedenken an die Millionen Opfer des totalitären Regimes aufgestellt.
30. Oktober 1990, am Tag der politischen Gefangenen in der UdSSR“
Im Foto rechts: Menschen in der Zwangsarbeit im Gulag in der Kolyma / Sibirien – Es wurden in der Sowjetunion geschätzt über 20 Mio Menschen in den Jahren 1929 bis 1956 zur Zwangsarbeit verurteilt.
Die Evidenz des Verbrechens –
Wenn die Amerikaner 1945 in Deutschland die Konzentrationslager nicht fotografiert hätten, würde die Erinnerung an die damalige Realität schlecht ausfallen. Diese Fotografien gehören neben den Fotografien der Täter zu den authentischen Zeugnissen der Verbrechen. Sie sind Beweise. Sie sind wieder und wieder in Filmdokumentationen, Schulbüchern, Ausstellungen und Nachrichten gezeigt worden. Das erste Konzentrationslager, welches die US-Truppen am 4. April 1945 vorfanden und in dem sie auf lebendige Häftlinge trafen, die von dem Leben in dem Konzentrationslager Zeugnis geben konnten, war das Konzentrationslager Ohrdruf, welches etwa 14 Kilometer südlich von der thüringischen Stadt Gotha und ein Aussenlager vom Konzentrationslager Buchenwald war.

https://nrw-archiv.vvn-bda.de/bilder/kz.pdf
KZ
Herausgegeben vom
Amerikanischen Kriegsinformationsamt
im Auftrag des
Oberbefehlshabers der Alliierten Streitkräfte
[April 1945)
Holocaustleugnung –
Wenn J. sagte, mein Vater glaubte das nicht, bedeutete das, dass auch sie es nicht glauben musste.
Die amerikanische Historikerin und Holocaustforscherin Deborah Lipstadt wurde 1995 von dem Briten David Irving, der sich als Historiker ausgab und zahllose Schriften publizierte, in denen er behauptete, dass der Holocaust nicht stattgefunden habe, und dass die Gaskammern nur Luftschutzbunker gewesen seien, und die Schächte, in denen das Zyklon B eingeworfen wurde, nur Luftschächte gewesen seien, angeklagt, sie solle ihre Aussage in ihrem Buch „Denying the Holocaust“(1993), in welchem sie David Irving als „one of the most dangerous spokespersons for Holocaust denial.“ bezeichnete, beweisen.
Lipstadt musste nach den Regeln des englischen Gesetzes Irving nachweisen, dass er lügt. Und das tat sie. Sie hat sich behauptet. Der Prozess fand in dem High Court of Justice Queen’s Bench Division statt und wurde im April 2000 für sie entschieden. Der riesige Aufwand unter den Richtlinien des Gesetzes, einem Lügner nachzuweisen, dass er lügt, ist an diesem Prozess gut belegt. Es brauchte ein Team von Anwälten und Historikern, die die Publikationen Irvings studierten, um ihm die Verdrehungen und Fälschungen in seinen Schriften, die vornehmlich in den Fußnoten seiner Schriften zu finden waren, nachzuweisen. Der Prozess war teuer, brauchte viel Expertise und dauerte fünf Jahre.
Gleichschaltung in der Familie
Ich sah die U.S. Historikerin Deborah Libstadt in Berlin bei der Vorstellung ihres Buches History on Trial und fand ihre Ausführungen über den Umgang mit psychischen Belastungen besonders interessant. Ein erfahrender Anwalt riet ihr, die Ereignisse während des Prozesses von sich abzustreifen, so wie man schmutzige Schuhe vor der Haustür auszieht, um die Wohnung in Ordnung zu halten.
Eine solche Strategie ist einem Kind aus einer Täterfamilie nicht möglich. Ideologen stellen in der Regel eine homogene Zone her, in welcher es keine sich bekämpfenden und streitenden Parteien geben darf. Das gilt auch in der Familie. Das Kind darf sich nicht unterscheiden von den Anderen. Dazu wird es mit Gewalt gezwungen und so übt das Kind die Parteiischkeit der Herrschenden ein.

Das stille Leiden des missbrauchten Kindes setzt sich in den Kindeskindern fort. Der politische Effekt der Zwangskontrolle bleibt erhalten: was nicht erzählt wird, existiert nicht und ist dann aus der subjektiven Empfindung heraus auch nicht real. Diese Form des privaten Revisionismus und der Holocaustleugnung in den Familien hatte weitreichende Folgen. Er verursachte in der posttotalitären von psychologischer Stumpheit gezeichneten Gesellschaften in Europa über Jahrzehnte hinweg immer wieder revisionistische Stimmungen, mit denen man nur schwer politisch operieren kann.
im Foto rechts: 1942 – cultural genocide and Gleichschaltung in Familien kann von aussen unauffällig aussehen. Die Daseinsforms ist von einer traditionellen und vormals heterogenen gesellschaftlichen Realität ja immer noch umspielt. Gleichschaltung in den Familien aber waren dramatische Ereignisse.
Unsichtbares sichtbar machen –
Rekonstruktion von Familiengeschichte ist eine Arbeit, die viel Selbstkontrolle verlangt. Macht man einen Fehler, ist man nicht nur selbst in der Recherche fehlgeleitet. Dieses an sich natürliche Problem beim Forschen ist ein Fallstrick für den Forscher gegenüber seinen Skeptikern. Sie lasten dir Fehler vordergründig an und sagen: deine Arbeit taugt nicht. Oder du lieferst eine jahrelange Forschung mit Beweisen und sie sagen: das haben wir doch schon alles gewusst. Das ist nicht Neues! Und drehen sich um und gehen. Man soll sich weder von der einen, noch von der anderen Reaktion der Abweisung beeindrucken lassen und das Projekt weiter verfolgen. Im Wesentlichen macht man bei der Forschung Unsichtbares sichtbar. Du stellst eine Beziehung zur Realität her.

Fort de Queuleu Gedenkstätte /SS und Gestapo Folterlager
Im Foto: Häftlinge unter der Folter im Fort Queuleu in der Stadt Metz. Das Foto stammt aus der Gedenkstätte Struthof Natzweiler. Die Häftlinge mussten auf den langen Holzbänken mit verbundenen Augen stundenlang gerade sitzen ohne sich zu bewegen. Sie wurden von hinten geschlagen. Der Schlag kam immer aus dem Nichts und hat die Menschen extrem traumatisiert.
Während du forschst und mehr über die Realität erfährst, steigen Gefühle der Schuld und der Scham, der Verzweiflung und der Trauer in dir auf und stürzen auf dich ein – wie eine Wasserwand, die sich auf dem Ozean vor dir aufbaut und über dir zusammenbricht. Familiengeschichte erforschen und bewahren, bedeutet auch, dass man die Arbeit auf sich nimmt, kollektive Gefühlslagen zu erspüren, sich mit ihnen zu versöhnen und mit ihnen zu arbeiten.
Das Leben in der Lüge – geprägt durch das System –
Ich sah auf die Fotografie und sagte: „Was für ein Wahnsinn, dass die nationalsozialistische Ideologie einer „Volksgemeinschaft“ darin bestand, dass deren Fortkommen und Glück auf dem Unglück und Verderben Anderer aufgebaut war!“ Sie sagte daraufhin wie aus der Pistole geschossen: „Aus heutiger Sicht kannst du so reden, aber damals hättest du auch mitgemacht.“ Ich schaute sie an und dachte mir: dieser Satz bezeugt Abwesenheit des moralischen Ethos und Unsicherheit über das, was man war/ist. Und es stellte sich mir dann gleich anschliessend die Frage: bei wievielen Menschen läuft das Koordinatensystem der totalen Herrschaft eigentlich heute noch durch? Und wir? Sind wir auch geprägt von diesem System?
Im Foto rechts: geschmückter Festsaal mit dem Banner „Der Einzelne ist nichts – das Volk is alles“ – eine der zentralen Propaganda Slogans des Nationalsozialismus – für eine Veranstaltung der NSDAP.
Schuldig geboren –
Wir haben in unserer liberalen Demokratie liberale Formen des sozialen Umgangs erworben und sie tief institutionell implementiert, aber im Privaten tobt immer weiter der Familienkonflikt. Wenn man Peter Sichrovski’s Buch „Schuldig geboren“, er interviewte in den 1980er Jahren Nazikinder, liest, fällt auf, wie wenig sich in Bezug auf den Ursprung des Konflikts und die aus ihm entstehenden Problemstellungen bis heute geändert hat, obwohl die Veröffentlichung fast 40 Jahre zurückliegt und bereits eine Generation nachgewachsen ist. Sichrovski schreibt:
„Als jedoch die Kinder der Nazis ein Alter erreichten, in dem sie die wahre Rolle ihrer Eltern während des Krieges erfuhren, wurden sie oft selbst zu Opfern – zu Opfern ihrer Eltern. Viele der Interviewpartner präsentierten sich in dieser Rolle. Als Opfer einer Mentalität, die, wenn auch der Krieg verloren war, doch wenigstens im eigenen Heim eine faschistoide Denkweise fortsetzte. Der äußere Rahmen hatte sich geändert, Deutschland und Österreich waren längst demokratische Staaten, doch das nationalsozialistische Gedankengut saß tief verwurzelt in den Köpfen der Täter und Mittäter, so dass die Generation nach dem Krieg mit einer demokratischen Umgebung einerseits und mit einer faschistoiden Familienstruktur andererseits konfrontiert wurde.“ Peter Sichrovsky;Schuldig geboren. Kinder aus Nazifamilien; Köln, Kiepenheuer&Witsch, 1987, S.17f
Foto: „Daimler-Benz Aktiengesellschaft – Wir dienen der Nation“ – Quelle: Ausstellung Gedenkstätte Natzweiler-Struthof
Die Geburt der Genozid Konvention –
Erst der Jurist und Aktivist Rafael Lemkin hat mit der Entwicklung und Durchsetzung der Genozid Konvention in der U.N. in dieser Welt klargestellt, dass das Vernichten von Menschengruppen unter Strafe gestellt werden muss. Und das war eine „one man operation! Lemkin war auch der Erste, der die Qualität des Holodomor (Töten durch Hunger) 1932-1933 in der Ukraine als Genozid erkannt hatte. Die UN Genozid Konvention wurde als erste Menschenrechtskonvention 1948 beschlossen und trat 1951 in Kraft.
Raphael Lemkin hatte am Ende seines Lebens weder Geld für ein Zimmer und konnte kaum sein Essen bezahlen. Er sprach von einer Krankheit, die er hatte, deren Ursache die Ärzte nicht ausmachen konnten. Diese unzähligen schlaflosen Nächte.
„I suffered such a severe attack of agonizing pain that I could hardly breathe. (…) “Nobody had established my diagnosis. I defined it myself and I called it Genociditis: exhaustion from the work on the genocide Convention.”
„My nights turned into nightmares. Dreams came incessantly and compellingly. Visions of my parents in these dreams became very realistic. I saw the interior of a train. A drab light was falling on people sitting on the floor. Among them was my mother, stony-faced, her eyes saying nothing, her mouth silent as ice. Where was she going? Was it her last journey? (…) My health was deteriorating. (…) Nervous exhaustion, high blood pressure, slow down, rest, relax”. Raphael Lemkin; Totally Unoffical, USA, Yale University Press, 2013
Rafael Lemkin brach am 29. August 1959 mit 59 Jahren an einer Bushaltestelle an der 42. Straße in New York City zusammen und starb auf einer Polizeistation.
Im Foto: Raphael Lemkin (1900-1959) Lemkin kam aus dem Rajon Selwa, einer osteuropäischen Ebene die seinerzeit Russisches Reich war. Er stammte aus der Stadt Bezwodne. Lemkin verlor seine Familie im Holocaust.
Totale Kontrolle –
Ein Staat kann sich gegenüber seinem Volk so verhalten, wie ein Missbraucher in der Familie. Der Typ des Coercive Controlers übernimmt vollständige Kontrolle über das Leben der Anderen. Im Januar 2026 tötete das iranische Regime über 30.000 Protestierende im Iran. Sie töteten ihre eigenen Leute und verwandelten das Land, das allen gehört, in ein Schlachthaus, um die totale Kontrolle zu behalten.
Als die Deutschen die Sowjetunion überfallen, zieht sich der russische Geheimdienst aus Lemberg zurück und erschießt zuvor 5000 politische Gefangene. Als die Deutschen in Lemberg einmarschieren, läßt der SS-Oberführer Karl Eberhard Schöngardt, geboren in Leipzig, 22 Professoren polnischer Abstammung zusammen mit ihren Familienangehörige in der Nacht vom 3. zum 4. Juli 1941 ermorden. Es wird geschätzt, dass während der deutschen Besatzung bis zu 120.000 Lemberger Juden ermordet wurden.

Karl Eberhard Schöngardt – SS – Brigadeführer, Generalmajor der Polizei und Chef der Gestapo Dortmund
Im Foto: Fort de Queuleu/SS Sonderlager/Gedenkstätte / Darstellung der Behandlung von Häftlingen durch Puppen
Geschichte wiederholt sich nicht –
Nach 1945 verschwand das Hakenkreuz, das Symbol der Terrorherrschaft des deutschen NS Staates in Europa, aber die Geschichte der Morde und Demütigungen, die der Korruption und Kollaboration, die Geschichte der alltäglichen Hässlichkeiten gegen andere, der Gefühlskälte und des Hasses gegen Familienmitglieder und Nachbarn, die Geschichte der Bereicherung durch Plünderung und Raub, die Geschichte der Lüge, des Verrats und der Vernichtung ist bis heute eine weitestgehend unbekannte und tief eingesenkte historische Realität in den Menschen nach einer extremen Erfahrung. Wir müssen diese interne Realität rekonstruieren, wenn wir ihre Dimension in uns heute verstehen wollen.
Geschichte wiederholt sich nicht. Geschichte hinterlässt Spuren in uns. Rekonstruiert man sie, bringt sie uns Selbsterkenntnis. Es kommt auf uns an, ob wir die Realität unserer Geschichten verstehen, ob unsere Analysen die Realität scharf abbilden und ob, und dann wie wir handeln in der Gegenwart.
Wir können den Bann brechen, den Atavismus verhindern, der uns zurückwirft in die Unmenschlichkeit, aber wir müssen die wahre Geschichte in unseren Familien erzählen.
Foto: Die deutsche Jüdin Ilse Rewald, Holocaustüberlebende, auf einer Schiffsreise nach Neapel in der frühen Nachkriegszeit. Ich fand dieses Foto in Ilses Haus nach ihrem Tod im Jahr 2005 in Berlin.
Methode – Wir müssen Systeme schaffen, die es uns ermöglichen, beweglich zu bleiben …
Darstellung einer Methode, die wir anwenden können, wenn wir extreme Erfahrungen in der Geschichte erforschen und verarbeiten müssen:
Frühe Erzählformen – Wir müssen beim Forschen Systeme schaffen, die uns einerseits beweglich halten und uns andererseits ermöglichen, etwas festzustellen oder festzuhalten. Die Zettelwand ist eines der Containersysteme, die ich verwende, um innerlich klar zu bleiben und Kontrolle zu behalten, aber zugleich zuzulassen. Frühe Erzählformen sind Listen, Container, Zettel, Notizen, ein Wort, ein Gedanke, den du dann auf Papier bannst.

Ich lege ein Arbeitsbuch an, indem ich Gedanken als meine persönlichen Steuerinstrumente und gegenwärtige Ereignisse notiere. Ich muss in mir emotionale Strukturen schaffen, die es mir ermöglichen, die Qualität und Dichte der gewalttätigen Ereignisse, die ich beim Forschen erkenne, und denen ich nicht ausweiche, auszuhalten, damit ich mit dieser schwierigen Arbeit auch durchkomme. Auch wenn immer wieder Schrecken und Angst dich überkommen und alle Erinnerungen in einer Welle in dir wegspülen, oder du alles gleich wieder vergessen willst. Du hälst fest!
Containment als Methode des Selbsterhalts und Schutzes vor der eigenen Verdrängungskraft –
Im Chaos der Ereignisse stelle ich beim Forschen verschiedene Formate der Chronologien oder Logiken her. Das gilt besonders dann, wenn die Qualität und Dichte der gewalttätigen Ereignisse in der Familie hoch und die Verstrickung des Einzelnen darin komplex ist. Totalitäre Regime arbeiten mit der Methode, das Indivduum durch moralischen Druck der Schuld im Kollektiv zu vereinzeln und zu desorientieren, und es auf diese Weise zu schwächen oder ganz zu vernichten.

Die Gedenkstätte das Konzentrationslager Natzweiler Struthof im Elsaß / Frankreich
Le Struthof auf dem Mont-Louise galt einst bei den Strasburgern als beliebtes Ausflugsziel, an dem sich ein Hotel und einige Skipisten befanden. Am 22. Juni 1940 werden die französischen Gebiete Elsaß und Lothringen von der deutschen Wehrmacht besetzt. Die Deutschen bauen im Jahr 1941 in diesem Skigebiet ein Konzentrationslager und erklären das Gebiet zur verbotenen Zone.
Im Foto: November 2019 in der französischen Gedenkstätte Natzweiler-Struthof; eine Schulklasse steht am Galgen des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers, während der Lehrer berichtet. An diesem Galgen wurden Strafhinrichtungen vollzogen. Alle Häflinge waren gezwungen der Hinrichtung zuzuschauen.
Mikrokosmos – Makrokosmos –
Ich brauche eine strukturell vielschichtige Äquivalenz zur komplexen Realität, um die es beim Forschen geht. Jede Form von Wissen, die du dokumentierst, entlastet dich. Du gewinnst Abstand. Am Computer stelle ich Wissens-Container wie zum Beispiel Exzell-Tabellen, Reisetagebücher, Fototagebücher und digitalisiertes Archivmaterial in mehreren Bildschirmen auf. Ich kann mich dann beim Schreiben in den Containern und zwischen den historischen und emotionalen Schichten hin und her bewegen, während ich etwas suche oder einfach nur nachdenke, und meine Gedanken über diese Landschaften schweifen lasse.
Motive – Träume – Mythen – Zitate – Daten – Gedanken – spontane Erinnerungen – Gefühle – die du hast beim Forschen an einem Ort –

Draussen hast du die Schönheit der Mediterranée und im Haus hast du den ganzen Horror der verdrängten Geschichte: Das Foto eines gealterten SS Mannes in einer Wohnung an der Cote D’Azur.
Stoff sammeln
Man muss den Stoff sammeln. Man muss konsequent und genau sein. Man muss ehrlich mit sich sein. Man darf selbst Inhalte und Fakten nicht verstellen, wie das jene tun, die das Verbrechen verheimlichen, weil man selbst auch von Gefühlen getrieben ist, die dann die Sicht auf die Ereignisse und Sachverhalte verengen und sogar gänzlich verstellen können. Das Sammeln von Wissen kann viele Jahre dauern. Der Ertrag fürs Schreiben aus diesen Fundgruben könnten in etwa 5 bis 10 Sätze sein, von denen man mit Sicherheit sagen kann, dass sie universal gelten und das ist ein gutes Ergebnis.
Ideen –
Mir fällt ein Wort, ein Satz, ein Gedanke ein, oder ich habe eine Idee. Ich notiere das auf einem Papierstreifen, datiere diesen und versehe ihn mit der exakten Uhrzeit. So etwas kann mitten in der Nacht passieren. Dann klemme ich den Papierstreifen in mein Arbeitsjournal. Wie die Lichtsignale an einer Autobahn mir auf der nächtlichen Fahrt den Weg weisen, fahre ich an diesen Ideen entlang und schreibe endlich etwas fest.

Foto: auf Reisen irgendwo in einer airbnb Unterkunft. Es regnet unentwegt. Du frierst. Du liegst im Bett und notierst.
das Gefühlsgitter-
Es unterliegt der gesamten Arbeit eine Abfolge von Gefühlen und dann Erkenntnissen, die du hast, die dir ermöglichen, Fragestellungen zu erweitern oder ganz abzuhaken. Aber diese Variabilität gilt nicht für die Zeit. Uns wird nun klar: der rekonstruktierende Text ist asynchron. Und was tust du eigentlich? Du arbeitest Vorurteile und Blindheiten, die du hattest, und von denen du nicht die geringste Ahnung hattest in dir ab.
Zum Beispiel: 1960 in der Bundesrepublik Deutschland geboren: Frankreich war für uns einfach das bessere Land. Frankreich, das Land der Menschenrechte war im Jahr 1939 die große Hoffnung all jener, die vor Hitler-Deutschland flüchten mussten. Aber was passierte dann im Juli 1940, als das französische Parlament die Republik abwählte? Vichy Frankreich mit Maréchal Pétain an der Spitze und der Holocaust, die Deportation jüdischer Kinder als der Tiefpunkt Frankreichs. Mit dieser Katastrophe in Frankreich habe ich mich erst beschäftigt, als ich anfing, über meinen französischen Grossvater zu forschen. Und das war im Jahr 2012.
Beate und Serge Klarsfeld schrieben:
„Die französische Vichy – Regierung hat sich für immer entehrt, denn sie stellte als aktive Komplizin der deutschen Nationalsozialisten bei der Festnahme von Juden ihre Polizei und Verwaltung zur Verfügung, insbesondere im Jahre 1942. 43.000 Juden wurden im Jahre 1942 aus Frankreich deportiert, 17.000 im Jahre 1943 und weitere 16.000 im Jahre 1944. Insgesamt waren es 76.000 Juden, davon 11.400 Kinder im Alter unter 18 Jahren. Etwa 2000 Kinder waren jünger als sechs Jahre. Unter den Juden, die aus Frankreich deportiert wurden, stammten etwa 10.500 aus Deutschland und Österreich, darunter etwa 800 Kinder und Jugendliche.“ Beate und Serge Klarsfeld; Endstation Auschwitz. Die Deportation deutscher und österreichischer jüdischer Kinder aus Frankreich, 2008, S.11
Bewusst – Unbewusst
Die heikelsten Phasen beim Rekonstruieren einer Familiengeschichte sind die, wenn man von dem gefühlslosen oder unberührten Zustand in den Zustand des Vorbewußten kommt. Man kann beispielsweise etwas wissen, aber es berührt einem nicht. Die Realität hat einem dann noch nicht erreicht. Es ist uns das, was die Nachricht sagt, nicht bewußt. Es ist uns der Genozid bekannt, aber nicht bewußt. Das Vorbewußte schmerzt noch nicht, aber es bringt bereits alles, was ich mir zurechtgebaut habe, in Unordnung.
Man liegt nachts wach und es denkt. Oder es träumt schlimme Sachen. Man gerät in eine Spannung, als öffneten sich die Poren und das Innen wird permeabel mit dem Außen. Zwischen innerer Realität und der objektiven Realität findet eine Osmose statt. Freud nennt diese Zustände der Psyche aber auch „das Wandern des Bewußtseins“
Sigmund Freud führt zum Verhältnis von Bewusstem und Unbewusstem folgendes aus:
„Es ist dem Erzeugnis des wirksamen Unbewußten keineswegs unmöglich, ins Bewußtsein einzutreten, aber zu dieser Leistung ist ein gewisser Aufwand von Anstrengung notwendig. Wenn wir es an uns selbst versuchen, erhalten wir das deutliche Gefühl einer Abwehr, die bewältigt werden muss. (…) so lernen wir, dass der unbewußte Gedanke vom Bewußtsein durch lebendige Kräfte ausgeschlossen wird, die sich seiner Aufnahme entgegenstellen, während sie anderen Gedanken, den vorbewußten, nichts in den Weg legen. (…) Das Unbewußte ist eine regelmäßige und unvermeidliche Phase in den Vorgängen, die unsere psychische Tätigkeit begründen; jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und kann entweder so bleiben oder sich weiterentwickelnd zum Bewußtsein fortschreiten, je nachdem, ob er auf Widerstand trifft oder nicht. Die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter Tätigkeit ist keine primäre, sondern wird erst hergestellt, nachdem die ‚Abwehr’ ins Spiel getreten ist. Erst dann gewinnt der Unterschied zwischen vorbewußten Gedanken, die im Bewußtsein erscheinen und jederzeit dahin zurückkehren und unbewußten Gedanken, denen dies versagt bleibt, theoretischen sowie praktischen Wert. Eine grobe, aber ziemlich angemessene Analogie dieses supponierten Verhältnisses der bewußten Tätigkeit zum Unbewußten bietet das Gebiet der gewöhnlichen Fotografie. Das erste Stadium der Photografie ist das Negativ; jedes photografische Bild muss den ‚Negativprozess’ durchmachen, und einige dieser Negative, die in der Prüfung gut bestanden haben, werden zum „Positivprozess“ zugelassen, der mit dem Bilde endigt.“ Sigmund Freud; Gesamtausgabe. Band III, Die Psychol0gie des Unbewussten; Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1982, S. 33
@foto Sigmund Freud Museum/ Sigmund Freud in seinem Arbeitszimmer in 20 Maresfield Gardens, London im Jahr 1939
Intuition und Konstruktion-
Ich kann den Abstraktionsvorgang, das Verwandeln von Gefühl in Worte im Nachhinein prüfen, indem ich in die verschiedenen Formate meiner Container gehe und schaue, was dort abgebildet ist. Ich gehe zurück in die Urform. Man kann ein bereits zur Abstraktion verwandeltes Gefühl, also die Verwandlung desselben in ein Wort oder in einen Satz, nicht wieder zurückverwandeln ohne seine Quelle, weil die Abstraktion die Konkretheit auslöscht. Eine Abstraktion steht fest.
Die Vorform der Abstraktion aber, der naive Gefühlszustand, die einseitige Wahrnehmung, der romantische Blick, der Irrtum, die Suchbewegung, der falsche Volltreffer, die Sehnsucht, der Wunsch, das falsch Gedachte, das noch nicht Wahrgenommene, die Täuschung, das intuitiv erfasste exakte Detail oder Momentum ist eine Rohform, die man in Containern wie Artefakte archivieren und somit bewahren kann. So bleiben die Rohformen, die vom Gefühl stark geprägt sind, was ich erkennen kann, erhalten.
Ich kann auf dieser Grundlage nun rekonstruieren und eine Rekonstruktion zurücknehmen, wenn ich verstanden habe, dass etwas mich fehlgeleitet hat. Ich nehme dann eine neue Spur auf, indem ich wie ein Spürhund zur Vorform zurückkehre, Fährte aufnehme, und von Neuem beginne zu suchen.
Wenn wir Intuition und Konstruktion verifizieren und voneinander unterscheiden können, dann können wir feststellen, wie stark wir von den gesellschaftlichen Vorgängen, ob vergangen oder gegenwärtig, geprägt oder beeinflusst sind. Wir können unsere Beziehung zur Welt dann in einem gewissen Maß autonom in uns selbst ausloten, den Mehrheiten und Moden zum Trotz.
Ich stellte beim Forschen darüber hinaus noch etwas Überraschendes fest: wenn ich alleine in meinem Arbeitszimmer sitze, stecke ich immer im Getümmel der Welt und bin ihr zugleich entronnen. Andere haben so etwas als den Sieg über die Zeit bezeichnet.
Keine Chronologie – Geschichte und Geschichten werden von Historikerinnen in der Regel chronologisch dargestellt, in uns aber liegen sie unsortiert und undatiert. Sie sind immer gegenwärtig. Geschichte ist eine egalitäre innere zeitlose Realität in uns über unzählige Generationen hinweg. Sitzt man am Schreibtisch und denkt sich in historische Prozesse und menschliche Erfahrungen ein, findet alles zugleich statt.
An der Zettelwand sieht das so aus: man befindet sich gedanklich also im Jahr 1935 im östlichen Frankreich fünf Jahre vor der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht und wird zugleich Zeuge der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27.Januar im Jahr 2019 über die live Schaltung des öffentlichen Fernsehens.

Im Foto links Rekruten bei Verdun im Jahr 1915 und rechts der Brand von Notre Dame in Paris vom 16. April 2019.
Man versteht in solchen Momenten der Vertiefung der Geschichte in uns, dass dies im Grunde der natürliche Zustand ist, nämlich die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und damit die absolute Nähe zu den historischen Ereignissen in uns durch ein Gefühl in uns, das wir nun entdecken. Wir sind dann tief mit der Realität verbunden und verwurzelt. Sind wir uns der Geschichte aber nicht bewusst, liegen wir flach auf und sind jeder Erschütterung, egal welche Dimension sie hat, ausgeliefert. Wir reagieren, aber uns fehlt die historische Dimension, die uns Abstand gibt um die Lage angemessen und vernünftig zu kontrollieren
Spannungsenergie –
Es bildet sich zwischen den Inhalten in den Wissenscontainern unter Umständen eine oszillierende Spannung aus. Mit ihr muss du arbeiten. In meinen Forschungen waren das zum Beispiel Schäferhund, Haare, Füße, Augenfarbe, Körpermaße, aber auch die Bedeutung von antiken Möbeln, Silbergeschirr, Kaminuhren und Kandelaber. Du artikulierst dein Gefühl in einer Kommentarspalte. Mit einem Suchbefehl bewegst du dich leicht zwischen den Zellen des Computerprogramms. Die Dokumentendichte wächst an.
Die Arbeit, sich in diese dunkle Sphäre der menschlichen Abgründe hineinzuarbeiten, ist hart. Man muss sich auf eine lange Durststrecke einrichten, bis man den Zensor in sich bekämpft hat, den Konflikt bekämpft hat und Loyalitäten gegenüber Personen aufgibt.

In dieser Zeit der Rekonstruktion von Familiengeschichte, die Jahre dauern kann, wird man für das Funktionieren im Kollektiv untauglich, weil sich eine Reflexion zwischen dir und die aktuelle gesellschaftliche Mentalität schiebt. Man sieht das Problem, mit welchem man befasst ist, auch draussen, und eckt dort mit Anderen an. Du entdeckst in der Öffentlichkeit eine Latenz von dem, was man vorher als privat aufgefasst hat. Es verschiebt sich etwas in dir. Während du etwas gerade rückst, gerätst du ins Abseits. Du wirst ein cycle breaker.
Foto: 21.03.1933 – Reichspräsident Paul von Hindenburg 1,98 groß, legitimiert mit einem Händedruck Adolf Hitler und die NSDAP. @foto – imago/arkivi
Haben wir keine Beweise und keine Evidenz, müssen wir lange beobachten und auch über den inneren Weg gehen, über das, was in uns gelagert ist als Erinnerung und über die Spuren, die es draußen gibt. Wir beginnen zu suchen:
Ich muss mit meiner Intuition arbeiten. Ich schreibe etwas. Ich nehme es wieder heraus. Die Sache läßt mich die Nacht über nicht los. Am nächsten Morgen suche ich den Schnipsel in meinem eigens dafür eingerichteten Ordner „Versuche“ und füge ihn wieder ein und so geht es in einem fort. Man tastet sich wie durch Nebel und arbeitet gegen Widerstände, die man nicht versteht, an. Ich schreibe, höre, notiere, archiviere. Ich füge das Material in Container, arbeite leitmotivisch, entwickle Schlagworte und entdecke auf diese Weise die sich durch die Jahrzehnte hinweg gehaltenen Begriffe, die dann, wie ich feststellen kann, eine Rolle spielen und eine Realität umkreisen, die ich noch nicht sehen kann. Eine zufällig gestellte Nachfrage im Archiv kann überraschende Ergebnisse erzielen:
im Foto: die Erkenntnis über die Verwicklung dieses jungen Franzosen in der 33. Waffen-Grenadier-Division der SS „Charlemagne“ , einem Großverband der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg, kam erst durch das Gerichtsurteil des Tribunal Militäire de Metz vom Jahr 1948 zu Tage, das ich zufällig in einem Archiv fand. In der Familie hatte niemand darüber gesprochen. Er war ein Nazi und Antisemit und später Anhänger der Front National, einer rechtsextremen französischen Partei der Nachkriegszeit, die heute den Namen Rassemblement Nationale (RN) trägt. Das Foto wurde im Jahr 1937 in Frankreich gemacht.
Archive –
Archive sind Schatzkammern der Geschichte. Im französischen Archiv Dépôt central des archives de la justice militaire (DCAJM) lagert zum Beispiel die Akte des deutschen SS Führers Klaus Barbie. Der Fall des „Schlächters von Lyon“ der als Gestapochef von Lyon von 1942 bis 1944 in der Zeit des Vichy Regimes mit seiner Grausamkeit Karriere machte, ist aufgrund dieser Akte wieder aufgewickelt worden und führte in Frankreich 1987 zu einem Prozess.
In diesem Archiv fand ich die Ermittlungsakte von Schneider. Es ging um Morde und Plünderei im Rombach. Die Ermittler haben auf dieser Fotografie den SS Mann und Chef der Werkpolizei der Rombacher Hütte, Hans Degen ausfindig gemacht und seinen Namen handschriftlich mit blauer Tinte und einen Pfeil auf ihn weisend auf der Fotografie notiert. Wie ich später erfahre, ging Degen im Müllerhaus ein und aus.

Quelle: Dépôt central des archives de la justice militaire (DCAJM) in Le Blanc https://lannuaire.service-public.gouv.fr/gouvernement/9bdb4a96-76ac-4050-b044-a39f015fa9ce

Ein Archivfund ist immer ein Beweisstück, das dich von der schweren Last des Nichtwissens befreit. Und hier lernen wir auch wie Propaganda funktioniert: Foto links: Germanisierung in Ostfrankreich – Foto rechts: Im Jahr 1943 bei St. Privat – „Ehrung des letzten Kriegskameraden von 1870“ 3. von rechts Charles Schneider / Quelle: Musée de la Mémoire de la Moselle 1939-1945 – ASCOMEMO http://ascomemo.chez.com/
Foto rechts: „Foto des Angeklagten Schneider Charles, Ortsgruppenleiter à Rombas“; Quelle: Das Departementsarchiv von Moselle https://www.archives57.com/
Das zähe Ringen um die Gestalt –
Die Aufarbeitung und Darstellung von Geschichte in den Gesellschaften ist ein zähes Ringen um die Gestalt der Darstellung. Der israelische Historiker Saul Friedländer beobachtete folgendes über die Fragestellung des objektiven beziehungsweise subjektiven Standpunktes in der Debatte der deutschen Historiker in den 1980er Jahren:
„Historiker sind kritisch gegenüber jüdischen Historikern, die während der Schoah gelebt haben. Im Historikerstreit sagten sie: aber wie können sie objektiv sein, wo sie doch Opfer sind. Ich habe dem deutschen Historiker Martin Broszat, der herausragende Sachen über den NS verfasst hat, geschrieben. Broszat war jemand, der die Tatsache, dass er in der Hitlerjugend war, immer für sich behalten hatte. Aber er war dann auch im letzten Jahr Mitglied der Partei. Nun gut, er war ein junger Mann. Aber man spürte das bei ihm, besonders in den 80er Jahren, in der Zeit also, als in Deutschland während der Periode Kohl Nationalgefühle dort anstiegen und auch als die deutsche Einheit kam. Das ist dann auch genau die Zeit des Historikerstreits, eine Debatte zwischen deutschen Historikern über die Singularität der Shoah. Sie wollten sagen, dass die Opfer in einer gewissen Weise nicht in der Lage seien ihre eigene Geschichte zu schreiben. (lacht) Sie würden nicht sehen, dass … ich sagte … …. …. ….. ich habe ihm in meinem Brief darauf folgendes geantwortet: Glauben Sie nicht, Martin Broszat, bezüglich Ihrer Aussage, dass wir, die Opfer, wir, die Juden …äh … dass wir unfähig seien zu sehen, also die Dinge in einem objektiven Kontext wahrzunehmen, weil wir zu sehr mit der Vergangenheit belastet seien. Wir sind ganz und gar .. äh … äh… subjektiv in dem, was wir wahrnehmen und in dem, was wir schreiben. Und glauben Sie nicht, dass jemand wie Sie, der in der Hitlerjugend war, nicht auch seine Subjektivit zu verhandeln hat?“
Entretien avec Saul Friedländer; historien; Jusqu’au dernier: https://www.youtube.com/watch?v=OKbcYKYYMXc
Für seine epische Erzählung der Geschichte der Shoah, der Verfolgung und der Vernichtung der Juden in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Europa , erhielt Saul Friedländer im Jahr 2007 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Befragung und Selbstbefragung – Das lebensgeschichtliche Interview –
Das lebensgeschichtliche Interview ist mit der vitalste Kern der Forschung. Man generiert in der historischen Betrachtung und im Austausch mit dem Gesprächspartner seinen eigenen moralischen Kompass. Es ist nicht das Alter, was uns voneinander unterscheidet, es ist das Leben des Anderen, das wir erkennen und anerkennen sollen, das wir respektieren sollen. Wir hören und sehen dann auch das, was als Nichtgesagtes und Nichtsichtbares dennoch seinen Ausdruck findet. Das lebensgeschichtliche Interview ist von zentraler Bedeutung für die Entschlüsselung einer Familiengeschichte. Die erzählende Person sortiert die Familien und Ereignisse historisch und sozial präzise ein. Die Erzählung ist nicht nur Information, sie ist Wertung, Beurteilung, Kritik und Gefühl eines Familienmitglieds, das sich immer weiter als Teil der Gruppe fühlt, und ihr gegenüber verbindlich bleibt auch wenn alle schon verschwunden oder tot sind. Man bleibt immer ein Teil seiner Familie und der spezifschen lokalen Kultur, aus der man kommt und wie man sich selbst darin sieht.
Foto: N. stellte immer Fragen.
Wir sind beiläufig zusammen. Die Geschichten kommen häufig spontan wie ein Gedankenblitz oder ein Gefühlssturm heraus. Man muss immer einen Stift und einen Notizblock bereit haben und die Satzfetzen notieren. Es kann aber auch umgekehrt sein. Es kommt garnichts. Man muss eine Methode entwickeln, die Menschen Raum gibt, zu erzählen. Man lebt mit den Menschen zusammen, arbeitet mit ihnen in der Küche oder im Garten.

Manchmal blieb ich einfach in der Küche sitzen. Ich fragte dann beiläufig etwas. Im Stehen oder im Vorbeilaufen kamen dann Halbsätze und Fetzen, die ich genauso notierte und irgendwann knüpfte ich dann wieder an diese Fetzen an. So entstand ein Gespräch und eine Ruhe im Austausch über eine schwierige Sache, wie es sich später herausstellt. Es war nämlich nie klar, wer was gemacht hatte. Jeder in der Familie hatte eine andere Erinnerung.
Foto: eine zerstörte Brücke in der Stadt Rombas / Ostfrankreich
Die Bedeutung der Fotografie – „Wir vergessen oft, aber in den Bildern ist die Erinnerung festgehalten.“
Wir betrachten eine Fotografie und jetzt erinnert sie sich. Die Erzählerin transportiert durch ihre Erzählung ein Gefühl. Ich höre ihr zu und nehme die Geschichte durch ihr Gefühl in mir auf.

Ich bekomme über das Gefühl der Person, das auf mich übergeht, eine Verbindung mit den Landschaften und den Personen, von denen sie erzählt und die ich nicht kenne.
Das Lesenlernen der Fotografie –
Das Rekonstruieren von Familiengeschichte verlangt Selbstkontrolle. Ich merke an mir, dass ich die Neigung habe, etwas in eine Fotografie hineinzusehen, was auf der Fotografie aber nicht abgebildet ist. Ich starre. Was suche ich? Habe ich Sehnsucht nach etwas? Hole ich es so herbei? Vermisse ich etwas? Oder läuft die Sache umgekehrt: drängt sich meinen Blicken etwas aus vergangener Zeit auf? Starrt es also aus mir heraus und prägt es meinen Blick auf die Realität? Starre ich etwas weg? Prägen Ereignisse, die ich zudem nicht einmal kenne, meine Realitätswahrnehmung heute? Überzeichnet dieses von innen nach aussen sich Drängende meine Wahrnehmung wie ein Farbfilter dies tut, den ich auf eine Fotografie lege?

Wenn man aus einer zersplitterten Familie kommt, ist es möglich, dass man die Leute, die auf dem Foto abgebildet sind, nicht erkennt, obwohl man sie kennt. Man hat sie in seinem eigenen geistigen Auge eliminiert und wird blind für die abgebildete Realität. Man lernt also beim genauen Betrachten einer Fotografie etwas über seine eigene Wahrnehmung. Du lernt aber auch, dass J. dieses Foto nie richtig kommentiert hat.
Die Kamera als beobachtendes Auge – Apperzeption
Die Kamera ist ein wichtiges Instrument. Sie schärft meinen Blick. Ich fotografiere zum Beispiel Textstellen, Pflanzen, Sonnenstand und Tiere. Ich habe beim Betrachten festgestellt, dass meine Wahrnehmung und mein Fokus beim Fotografieren kein Zufall ist. Die Fotos zeigen mir, dass ich etwas Bestimmtes suche, dass mich etwas besonders interessiert oder dass ich mit der Fotografie ein Gefühl festhalten will. Ich will ein Weltgefühl festhalten, die Beziehung zur Welt, wie ich sie herstelle, und wie ich mich in ihr verankert habe, oder verankern will, festhalten. Ich verbinde ein Gefühl in mir, eine historische Erkenntnis in mir mit der Welt draussen. Ich halte diesen Moment fest und entreiße ihn so dem augenblicklichen Zerfall und dem Verschwinden. Ich stelle nämlich fest, dass ich die Grundsätze, die in unseren Gesellschaften wirksam sind, in Frage stelle: ich notiere folgendes:
Die Würde des Menschen, die Würde des Tieres, der Pflanze, der Wasser und der Himmel, der Luft und des Lichts und der Insekten, der Bienen, und Hummeln darf nicht angetastet werden. Es ist der 2.November 2017. Mein momentan treuster Begleiter ist eine Fliege, die in der Küche zu überwintern sucht. Sie hat sich an das kühle Glas festgekrallt und hält still.
Die Rekonstruktion einer Familiengeschichte durch ein Fotoalbum
Du fertigst ein Fotoalbum an, indem du Fotografien, – denen du zum Beispiel keine Aufmerksamkeit schenkst, oder Fotografien, die du wiederholt betrachtest und denen du eine besondere Aufmerksamkeit schenkst – auf einem Papierblatt und in einem Ringordner ohne zeitliche und historische Zuordnung fixierst. Und nun zeigst du Anderen diese Fotografien. Jetzt beginnt die Beobachtung der Geschichte unter einem Mikroskop. Du notierst den ersten Satz, der fällt. Die Rekonstruktion beginnt. Du kombinierst Fotografien so, wie der oder die Betrachtende sich gerade erinnert. Du betrittst nun den Mikrokosmos und hälst seine Mikrostruktur fest. So arbeitest du dich in der Rekonstruktion der Familiengeschichte voran.
Man erkennt in der Mikrostruktur unseres Alltagslebens Muster oder Abweichung von der sozialen Regel. Die Hochzeiten, die Kinder, die Krankheiten, die Geburt, der Tod, die grossen und die alltäglichen Ereignisse, der Mittagstisch, der Garten, die Häuser, die Berufe, die Freunde, der Vater, die Mutter, der Bruder, die Schwester, der Wald, die Landschaften, die Speisen, das Licht, der ganze Duft eines Lebens zeigt sich in der Mikrostruktur.

Die soziale Bindung eines Menschen und die Sprache, in welcher er sich ausdrückt, ist sein Identitätskern und nur sekundär sind Parameter wie die Nation oder Geschlecht, das Alter oder gar die soziale Klasse bestimmend.
Knotenpunkt des Erzählens
Im Gespräch mit Familienmitgliedern, Freunden oder Nachbarn kann man nun die Fotos betrachten und Sätze zum Beispiel über eine Landschaft oder über eine Speise notieren, während wir gemeinsam die Fotografien betrachten.

Und diese Sätze sind der Beginn einer Erzählung. In ihnen ist der lebhafteste Ausdruck der Erinnerung.

Das Fotobuch wird der Knotenpunkt des Erzählens. Ich habe diese Momente während der anspruchsvollen Arbeit immer am meisten genossen. Man kann es sich miteinander gemütlich machen, gemeinsam essen und in aller Ruhe plaudern.
Die kleinen Dinge
Gefühle werden aufbewahrt und stillgestellt in der Sprache aber auch in den kleinen Dingen, mit denen wir uns umgeben. Was wie nebensächlich abgestellt seinen Platz hat, kann ein Gegenstand sein, der Gefühlsinhalte und Erinnerung von äußerster Wichtigkeit bewahrt. Er ist ein Gefühlscontainer. Man kann sie überall in den Häusern finden. Auf den Regalen liegen sie, an den Türklinken hängen sie, in den Speisekammern sind sie versteckt.

Wenn man eine Familiengeschichte rekonstruiert, muss man sich für die Dinge, die in den Häusern sind, Zeit nehmen. Man muss sich für sie interessieren. Diese kleinen Dinge bleiben übrig, wenn wir die Orte verlassen haben. Sie können uns überdauern. Du musst lernen, den geheimen Code, den sie bergen, zu entziffern.
Beispiele – eine böhmische Stube in Nordamerika
Dokumentierte Beispiele aus privaten Nachlässen, Archiven und erzählten Erinnerungen:
Alltag der Vernichtung – Zeitzeugen – Die Fotografie zeigt den zufälligen Fund eines „Judensterns“ in einem Nähkästchen aus dem Jahr 2008 in Berlin. Die Menschen, die ihn tragen sollten, legten den Stern ab und überlebten im Berliner Untergrund in der Ilegalität.

Foto: Westberlin 1980er Jahre – Die Holocaustüberlebenden Ilse Rewald und Eppi Chotzen mit Hanning Schröder im Haus der Rewalds im Quermatenweg. Unzählige Stunden hat man hier miteinander gesessen und darüber geredet, was Verfolgung bedeutet und wie groß die Herzen so mancher Freunde waren, die Verfolgte in ihren Häusern versteckten.
Barbara Schieb: Zwischen legalem Tod und illegalem Leben. Ilse und Werner Rewald im Berliner Untergrund, Ein kommentierter biographischer Bericht, in: Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Bd. 12), Berlin 2022
Ich wurde im Gulag geboren –
„Mein Vater kommt aus der deutschsprachigen Minderheit in der Tschechoslowakei (CSSR). Die Urgroßeltern väterlicherseits waren ungarischer Abstammung. Z’s waren Uhrmacher so seit dem 14. oder 15 Jahrhundert. Mütterlicherseits stammt meine Familie von den deutschen Schwaben aus dem 16. Jahrhundert ab und waren Wolgadeutsche. Von meiner Familie ist so gut wie niemand mehr da. Ich bin ein Überbleibsel.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 trieben die Russen deutsche Kriegsgefangene durch die Straßen. Die Leute standen an den Straßenrändern und schauten, was da los ist. Und da passierte es, dass deutsche Kriegsgefangene aus der Kolonne in die deutschen Häuser oder Heuschober sprangen und verschwanden. Bei den Sowjets aber musste die Zahl stimmen und dann haben die sich irgendjemand stattdessen gegriffen, der dann mitmarschieren musste. Und so griffen sie meinen Vater. Meine Eltern lernten sich in der Zwangsarbeit kennen. Ich wurde im Gulag geboren. Ich kann mich an fast nichts erinnern. Es ist ja nicht nur eine schwache Erinnerung. Man hatte ja einfach keine Vorstellung, wo man war. Es war einfach alles unvorstellbar.
Meine Mutter ist Wolgadeutsche aus dem Dorf Remmler. Während der Säuberungen 1937/38 in der Sowjetunion unter Stalin wurde sie mit anderen Wolgadeutschen deportiert.

diese Sehnsucht …
Meine Mutter hat immer gesungen. Sie sang immerzu russische Lieder … überall … … diese Sehnsucht … … Die Kinder sind mit den Pferden in der Wolga geschwommen! Die Menschen konnten nicht schwimmen, aber die Pferde konnten schwimmen. Die Kinder hielten sich am Pferdeschwanz fest und gingen mit den Pferden in die Wolga.“
Das Interview habe ich im Juni 2026 geführt.
Foto: die Solowetzki Inseln im Jahr 1995. Auf den Solowetzki Inseln im weissen Meer entstand im Jahr 1923 der Prototypus des sowjetischen Straflagersystems.
Erinnerungen an Böhmen in Nordamerika
Dieser kleine Teddybär mit den gestapelten Dingen, die er in seinen Armen hält, steht symbolisch für den Verlust von mehreren Ländern, in denen man einst zuhause war, Verlust von Familien und Landschaften, die man vermisst und im Gedächtnis bewahrt. Das kann eine schwere Last sein.

eine böhmische Stube in Nordamerika
In Mitteleuropa liegen Staaten und Regionen, die zwischen den Grossmächten liegen und immer in der Gefahr schweben, vernichtet zu werden. Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera schrieb im Jahr 1983: „Was ist Mitteleuropa? Die unbeständige Zone kleiner Nationen zwischen Russland und Deutschland. (..) Doch was ist eine kleine Nation? Ich schlage folgende Definition vor: Die kleine Nation ist eine, deren Existenz jederzeit infrage gestellt werden kann, die verschwinden kann und die das weiss. Ein Franzose, ein Russe, ein Engländer stellt sich gewöhnlich keine Fragen zum Überleben seiner Nation. Ihre Nationalhymnen besingen nur Grandeur und Ewigkeit. Die polnische Hymne jedoch beginnt mit den Worten: „Noch ist Polen nicht verloren …“ Milan Kundera; Der entführte Westen. Die Tragödie Mitteleuropas.
ethnic cleansing –
Die Portraitfotografie eines böhmischen Bergmanns und daneben seine Berglampe und Meerschaumpfeife sind Gegenstände, die noch von Lebenswelten vor den Weltkriegen in Mitteleuropa zeugen, und die bei der Auswanderung nach Nordamerika in den 1990er Jahren mitgenommen wurden.

Die deutschsprachigen Böhmen wurden 1947 per Staatsbeschluss aus der damaligen CSSR ausgesiedelt. (ethnic cleansing) Der alte Bergmann starb drei Tage nach der Vertreibung in der Fremde.
„Habt ihr zuhause über eure Gefühle gesprochen?“

„Na, mit der Mutter und mit den Tanten …. Jetzt möchte ich schon wieder sterben ….“
Im Exil – Strukturen eines Flüchtlingsschicksals – „Wir haben uns immer ein Ziel gesetzt, und versuchten das Ziel zu erreichen mit anderen zusammen. Stabilität war keine Kategorie, in welcher wir gedacht haben.“
N. ist mit ihren annähernd 98 Jahren glasklar in der Wahrnehmung. Innere Realitäten schieben sich zuweilen vor die äußeren Realitäten. „Du bist in Kanada“ sagte sie mir kürzlich, „aber ich bin in der ganzen Welt.“ Die Entwurzelung hat aus ihr einen Menschen gemacht, der überall wohnen kann. Aber man sieht an N.’s akribischen Sammlung von Gegenständen und vor allem an der Redundanz der Dinge, der stetigen Sicherung des Augenblicks durch eine immer gezückte Kamera oder einem gespitzten Bleistift mit dem Eindrücke und Ereignisse notiert werden, dass N. und V. Zeit ihres Lebens nie nachließen in dem Versuch, zusammenzuhalten, festzuhalten und in Ordnung zu bringen, was einmal in eine große Unordnung gebracht wurde. Es soll einmal etwas gut werden und dann auch bleiben.Aber N. weiß, dass das Leben zerbrechlich ist und das nichts bleibt, wie es ist.
N. ist in regelmäßigen Kontakt mit ihren Familienangehörigen im Jenseits –
Dort wird das Verhalten der Familienmitglieder einem kollektiven Urteil unterzogen. „Die Egerländer beklagen sich immer: Was willst du denn? Jetzt bist du schon fast Hundert! „Es ist doch egal, ob ich Hundert oder Zweihundert werde, solange es mir gut geht und ich niemanden etwas Böses tue!“ antwortet ihnen N. Die Sphären des Diessseits und des Jenseits sind nicht voneinander getrennt.

So sagt mir N: „Die Mädchen sind oben und warten auf mich, dass ich zu ihnen schlafen komm. Die Engelchen kommen einem holen. Aber die sollen ruhig auch wieder gehen. Ich will doch noch sehen, wie die Geschichte weitergeht.“
Die Matriarchin
Matriarchinnen halten die Familien über Generationen zusammen, Krieg, Chaos und Politik zum Trotz.

Elisabeth und ihre Schützlinge im Jahr 1933
Diese grosszügige und heitere Matriarchin mit ihren Enkeln hatte den Namen Elisabeth. Die Kinder liebten sie. Ging etwas sozial schief, hat Elisabeth dies diskret und sozial verträglich geregelt. Und so eine Regelung konnte viele Jahre beanspruchen.
Das Kind, dass Im Schutz der Grosszügigkeit der Grossmutter aufwuchs, blieb eine Familienbewahrerin über ein Jahrhundert hinweg. Sie stärkte Famlienmitglieder, die Schutz brauchten und sorgte damit für ein erfolgreiches Überleben.
Der Osterspatziergang – Wenn ich abends alleine an meinem Schreibtisch sitze, notiere ich das Gespräch und nehme dabei die Menschen, von denen mir berichtet wurde, erneut in mir auf. Es ist nun später Abend. Ich schaue auf den Gletscher, der in der Dämmerung hinter den vereinzelten hohen Fichten weisslich in der Ferne schimmert.

Und jetzt visualisiere ich etwas. Ich träume. Diese Gruppe Menschen, die ich nun auf der Fotografie betrachte, werden vor meinem Auge lebendig. Es entsteht ein bewegtes Bild:durch die österlichen noch kühlen Winde leicht zerrissen höre ich das helle Auflachen eines Mädchens. Ich habe es nun im Gefühl. Dies ist eine dichtgedrängte kleine Familiengruppe, die nichts trennen kann. Die Kriegsgeschichte, die dann folgte, hat diese Tatsache bis heute bewiesen.
Im Foto: Osterspatziergang – im Hintergrund die Wallfahrtskirche Maria Kulm in den 1930er Jahren
Erhard –
Der Knabe hat nicht überlebt, aber N. versäumte 80 Jahre nach seinem Tod keine Gelegenheit von ihrem Spielkameraden zu sprechen, als sei er noch da. Einmal, als ich nach einem langen Tag im Begriff war das Zimmer zu verlassen, rief sie mir einen Satz hinterher, der nicht verloren gehen sollte: „Der war doch noch ganz klein!“, ein Satz, der aus dem tiefsten Inneren ihres Beschützerinstinkts für den jüngeren Spielkameraden kam.

Erhard, der böhmische Kriegsfreiwillige ist als 18 Jähriger im Dezember 1943 auf dem Weg an die Ostfront bei einem Bombenangriff der Alliierten im Leipziger Bahnhof ums Leben gekommen.

Das Schreibgerät des begabten jungen Satirikers soll voller Blut gewesen sein.

Ich habe Erhards Füllfederhalter in einer Schublade des Nähschrankes wiedergefunden. Und dann hat mir N. die Geschichte erzählt

Die Eltern hatten sich freiwillig der Grossdeutschlandidee unter Adolf Hitler angeschlossen. Dabei lebten sie in Böhmen in der CSSR. Der kalte Hauch aus der Gruft der Kinder weht uns bis heute an.
die traurigen Augen von Onkel Rudolf
An der Fotografie der Wehrmachtsoldaten blieben unsere Gedanken hängen. „Hebs gut auf!“ sagte N. mir. „Es ist die einzige Fotografie, die wir haben. Dabei war er vollkommen apolitisch“, sagt N.. „Karlsbad war doch weltberühmt. Da waren Fürsten und Kaiser. Goethe war dort. Das war doch eine ganz andere Welt.“
Foto rechts: unter dem Stahlhelm sieht Onkel Rudolf aus wie alle anderen Wehrmachtssoldaten. Schauen wir aber genauer hin, erkennen wir seine traurigen Augen. Onkel Rudolf war Chefportier im Hotel Imperial in Karlsbad und hatte sich mehrere Sprachen autodidaktisch beigebracht, um seine Gäste gut zu unterhalten.

Auf der Rückseite der Fotografie ist eine Notiz von Onkel Rudolf: “ Vor der Abfahrt von Ede 25/06-40 für N. zur Erinnerung“. N. hat in ihrem roten Notizbuch alle Adressen und Lebensdaten ihrer Familienmitglieder notiert. Niemand darf verloren gehen.

Ob er sich wohl umgebracht hat? fragt N. und schaut mich an. Der Suizid deutscher Wehrmachtssoldaten an der Ostfront ist ein gesellschaftlich fest etabliertes Tabu, aber in den Familien wird darüber gesprochen. Nachdem 1938 Böhmen, das zum Staatsgebiet der Tschechoslowakei gehörte, an das deutsche Reichsgebiet angeschlossen wurde, wurde Onkel Rudolf für den Einsatz an der Ostfront im Juni 1940 eingezogen. Seit dem 10.10.1944 galt er als vermisst.
Der Heimkehrer Josef K.
Der böhmische Chauffeur Josef K. wurde von den tschechischen sogenannten Volksgerichten 1946 zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die er in verschiedenen Gefängnissen in der Tschechoslowakei (CSSR) verbringen muss. Er kehrt im Jahr 1956 in eine fremde Stadt zu seiner Familie zurück und nimmt sich sechs Monate später das Leben

Familie K. im Jahr 1936 in Böhmen CSSR
„Mein Vater wurde …. wie heißt das? …. “
„Denunziert?“
„Ja. Denunziert.“
„Ein Bauer behauptete, dass Josef 1938 in der Zeit des „Anschluss“ als die Schießereien losgingen in Haberspirk, einen tschechischen Polizisten erschossen hat. Aber das stimmte nicht. Mein Vater musste mich von Karlsbad mit seinem Moped abholen, was ihm auf der Anlage zur Verfügung stand. Es fuhr ja nichts wegen dem Anschluss und den Schießereien. Mein Vater war ja gar nicht in Haberspirk. Da ist meine Mutter zu dem Bauern gegangen und hat gebeten darum auf Knien, dass er seine Aussage zurücknimmt, aber der hat gesagt, dass er das, was er einmal gesagt hat, nicht zurücknehmen kann. Wir hatten mit der Politik des … Großdeutschland nichts zu tun. Das hat uns garnicht interessiert.“
Grenzlandverschiebungen in einem Bergmannshaus –
Der deutsche Bergmann Heinrich Müller wanderte mit seiner Frau Liesbeth im Jahr 1886 aus Hessen in die Stahlstadt Rombas an der Mosel aus. Sie waren strenge, aber ehrliche und anständige Leute. Sie bauten ein zweigeschossiges Haus in der Stadt Rombas, einem de fakto und de jure vom imperialen Deutschen Reich 1870/71- annektierten französischen Gebiet. Das Gebiet wurde nach dem Versailler Vertrag im Jahr 1919 wieder französisches Staatsgebiet. Das Haus nannte man das Müllerhaus.

Der Franzose Henri Mueller im Jahr 1933 mit seinen Enkeln

der alte Bergmann Henri Mueller mit seinem Enkel Renauld in seinem Wirtschaftsgarten hinterm Haus kurz vor seinem Tod im Jahr 1938
Im Foto rechts: Gruppenportrait vor dem Müllerhaus – das Ehepaar Müller und deutsche Rekruten, die während des Ersten Weltkrieges im Jahr 1915 im Müllerhaus einquartiert waren. Die Front Verdun war nicht weit entfernt.
Grenzverschiebungen im Müllerhaus – deutsche Besatzung durch die Wehrmacht-
Im Jahr 1919 beendete der Versailler Vertrag formell den ersten Weltkrieg und Elsass und Lothringen wurden nach 50 Jahren deutscher Herrschaft wieder dem französischen Staatsgebiet angegliedert. Die Bürgerinnen und Bürger dieser Gebiete erhielten den französischen Pass und einstige Deutsche bezeichneten sich fortan als naturalisierte Franzosen. B., Tochter von Lisbeth und Heinrich Müller, von Beruf Telefonistin, heiratete im Jahr 1920 Charles Schneider, der wie sie in der Rombacher Hütte arbeitete, und von Beruf Buchhalter war. Charles wird Hausherr im Müllerhaus. Die ganze Familie ob französischer Kommunist oder preussischer Militarist, Gewerkschaftler oder Nationalist, sind bei dieser Hochzeit noch vereint.

Der Schwager Auguste Wurtz – hier im Foto mit B. und ihren Kindern am Müllerhaus – ist Kommunist, und unterstützt die Arbeiterstreiks in der Hütte. Er war von April 1934 bis Mai 1935 gewählter Bürgermeister von Rombas.

Foto: Schneider richtet im November 1938 das Fest der Schutzheiligen St. Barbara mit den Bergmännern und Stahlarbeitern im Müllerhaus aus.
Aber seit einer von der NSDAP erfolgreich geführten Kampfabstimmung im Jahr 1935 im benachbarten deutschen Saargebiet, – einem Kohlerevier, aus dem die Hütte den Koks bezog -, und der dann folgenden Eingliederung des seit dem Versailler Vertrag unter Völkerrechtsmandat stehenden Gebietes an Deutschland, wehte ein neuer Wind im Müllerhaus. Schneider richtete seinen Blick in das sich radikalsierende Deutschland. Er wurde ein Anhänger des deutschen Führers Adolf Hitler.
Foto rechts: am 17.Juni 1940 beflaggt Schneider das Müllerhaus mit der Hakenkreuzfahne. Zwei Tage später ist die französische Stadt Rombas von der deutschen Wehrmacht besetzt. Schneider wird als Kollaborateur mit den deutschen Besatzern seine Nachbarn und Kollegen an die Gestapo verraten.
Auguste Wurtz geht in den französischen Widerstand. Er wird Mitglied in der Widerstandsgruppe „Group Mario“ und überlebt das SS Sonderlager Queuleu in der Stadt Metz sowie das deutsche Konzentrationslager. Die deutsche Besatzung dauert von Juni 1940 bis September 1944.
Zeitgeist und Milieu in der Stahlarbeiterstadt Rombas –
Geboren 1960 in der Bundesrepublik Deutschland denke ich in Kategorien, die totalitäre Systeme im 20. Jahrhundert hervorgebracht hatten. Wenn ich Familiendynamiken beobachte, frage ich mich, welcher Hintergrund die Leute zu was gebracht hat. Dann aber stellt man schnell fest, dass man es mit historischen Zeiträumen zu tun hat, die viel weiter zurückliegen. Und man merkt: es geht um Mentalitäten, Zeitgeist, Gesellschaften im Wandel jenseits oder mit der Grossmachtspolitik, in welcher diese Region wie keine andere damals in Westeuropa stand. Europas Schicksal wurde in Frankreich entschieden.

@J.J. Sitek – Rombas im Mai/Juni 1936 – Arbeiterstreik am Tor 2 Moulin neuf Rombas
Rund 6000 Arbeiter waren in den 30er Jahren alleine in der Rombacher Hütte beschäftigt. Immer den Tod vor Augen, schätzten die Arbeiter das einfache gute Leben. Man passte aufeinander auf. Das galt für die Bergmänner in den Stollen, für die Stahlarbeiter an den Hochöfen, und das galt für die Eisenbahner diesseits und jenseits des Rheines.

Die Rombacher Hüttenwerke / l’Usine Rombas- 1888 von Carl Später gegründet – zur Eisenerzgewinnung und Verarbeitung. Das Roheisen, das Gusseisen und der Stahl von den Hütten Lothringens wurde über Zug- und Schiffsfracht in die ganze Welt exportiert.
„En gros les ouvriers d’usine étaient fier de leur travail et malgré la pénibilité du travail ils n’auraient pas échangé leur place. C’était une autre époque. Il y avait la fierté d’appartenir à une corporation.“ berichtet mir Jean Larché, der ehemalige Stahlarbeiter im Jahr 2019. In den 1990er Jahren wurde die Stahlproduktion im gesamten Gebiet eingestellt.
Gemütliches Beisammensein in Gotha 1941 –
Das Foto rechts zeigt eine deutsche nationalsozialistisch gesinnte Familie im Jahr 1941 in der Stadt Gotha in Thüringen beim gemütlichen Beisammensein.

Während draussen Krieg, Zwangsarbeit, Deportation und Vernichtung von Menschen oft Nachbarn, Familienmitgliedern die neue Regel in der nationalsozialistischen Gesellschaft ist, wird in deutschen Wohnzimmern eine intakte Gemeinschaft in einer heilen Welt vorgegaukelt. Alles war inszeniert.

Deutsches Frühstück mit weichem Ei und frischen Brötchen während Andere hungern. Das Konzentrationslager Buchenwald wurde 1937 gegründet und war nicht weit entfernt. Das Nazisymbol, welches auf dem Foto abgebildet war, wurde nach 1945 abgeschnitten.
Kulturelle Genozidpraxis in Westeuropa
ein Foto genauer betrachtet:

Kinder werden innerhalb einer Familie während der deutschen Besatzung des östlichen Stahlgebiets Frankreichs im Jahr 1941 zur Umerziehung nach Deutschland unter Hitler in die Stadt Gotha in Thüringen gebracht.

„Wir sollten erst ein Jahr bleiben“, erzählte sie mir, „dann blieben wir aber zwei Jahre. Ich war doch erst 8 Jahre alt. Man gibt doch seine Kinder nicht ab! Wieso haben die das gemacht?“ berichtet mir das alte Kind.
Das Entführen und Deportieren von Kindern von einer Gruppe zu einer Anderen, schreibt der Jurist und Begründer der Genozidkonvention Rafael Lemkin, ist eine Genozid-Technik.
„This type of genocidal practise appeared to be one of the cruelest. It tended to interrupt the cultural continuity of a group. It destroyed the spirit, while it kept the body alive.“ Rafael Lemkin – Begründer Genozid Konvention in seiner Autobiografie „Totally unofficial“.
Foto rechts: schaut man genauer hin, sieht man die dunklen Augenringe und den traurigen Blick der Kinder bei einem gezwungenen Lächeln auf den Fotografien aus Gotha in den Jahren 1941/1942. Dabei trugen sie weissgestärkte Blusen unter einem karierten Kleidchen, einen Strohhut mit Bändchen unter dem Kinn zusammengebunden und schwarze Lackschühchen. Das Konzentrationslager Ohrdruf war nur 20 km weiter entfernt.
da haben die Russen ihn halt abgeschossen – Gehirnwäsche –
Ich betrachte eine Fotografie. In einer Waldlichtung sieht man zwei Männer in mittleren Jahren in Anzügen gekleidet. Sie rauchen. Der eine beugt sich zum anderen hin und gibt ihm Feuer. Dabei sehen wir seinen rasierten Hinterschädel. Er ist deutscher Angestellter der Totenkopf Waffen SS im Konzentrationslager Dachau.

Zwei jüngere Frauen strecken rechts und links vom Baumstamm ihre Köpfe hervor und lächeln gezwungen in die Kamera. Alle sind schwarz gekleidet. Wenn J. mich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, wäre ich nicht darauf gekommen, dass dieses Foto eine trauernde Familie zeigt, deren Familienmitglied an der Ostfront starb.
Ich frage J.: Weisst du, wie er gestorben ist ? J. antwortet: „Ja Klar! Zwei Kameraden, die mit ihm gekämpft haben, haben uns später besucht und brachten uns das Tagebuch von Reinhold. Die waren vorsichtiger als Reinhold gewesen. Sie haben erzählt, dass Reinhold mit dem Kopf aus der Deckung ging, hin und her und hin und her schaute. Da haben die Russen ihn halt abgeschossen.“
Ihr Vater, so J., habe eine Traueranzeige mit den Worten „Im tiefen Schmerz und stolzer Trauer“ drucken lassen. Auf einmal schäumte J. beim Erzählen in einem Gefühl der Wut kurz auf: „In stolzer Trauer!? So ein Idiot! Was die gemacht haben in Russland! In Reinholds Tagebuch kannst du es lesen. Die haben sich das Essen bei den russischen Familien zusammengeklaut mit vorgehaltener MG. Und sonst noch. Wie kann man denn mit so einer Schuld leben?“
Stille
„Der Reinhold war ein ganz toller Mann.“
Stille.
Zwölf Stunden später wiederum um Mitternacht unter dem Lichtkranz am Tisch der ansonsten in Dunkelheit getauchten Küche, sagte sie langsam und leise:
„Der Reinhold wollte unbedingt in die SS Leibstandarte „Adolf Hitler“, kam aber dann in die SS Standarte „Großdeutschland“. In seinem Zimmer hatte er mit der Hand im Bogen geschrieben ganz groß: „Meine Ehre heißt Treue“ und dann hatte er die SS Runen dazu gezeichnet gehabt.“
Stille.
Es ist vielleicht nur der ruhigen Nachtstunde und unserer beider Geduld und Anstrengung zu verdanken, dass J. mir das erzählte. Rombach war jetzt spürbar. Das Müllerhaus auf der Anhöhe am Guissebonne. Das Zimmer des Bruders neben dem der beiden Schwestern. Das Hineinschielen des kleinen Mädchens in das Zimmer ihres großen von ihr so geliebten Bruder im zweiten Stock des Bergmannshauses. Stille im Haus. Es war still in der Küche nach Mitternacht. J. kehrte in dieser Nacht nachhause zu ihrem Bruder zurück.

der Franzose Renauld – Germanisiert und einer Gehirnwäsche durch den Vater unterzogen und in die Totenkopf SS eingetreten / 22. Juni 1941 Entsendung an die Ostfront und in Charkiv im Juli 1943 unter umklaren Umständen mit 21 Jahren umgekommen. (Suizid nicht ausgenommen)
Foto rechts: der Name Reinhold war die germanisierte Form von seinem französischen Namen Renauld. Renauld liebte seine kleinen Schwestern vom Grunde seines Herzens und so liebten sie ihn.
Der Täter bildet das Zentrum in der Familie aus –
Der Täter in der Familie bildet im Familiengedächtnis einen magnetischen Pol aus, wovon die einen angezogen, die anderen abgestoßen werden. Das Schweigen über die Täter aber bleibt in der Familie fest verankert. Auf der Höhe seiner Macht schien Schneider buchstäblich unantastbar. Seine abgründige Seite hinter seinem jovialen Äußeren, erzeugte in den Menschen eine Angst, die sie umlagerte wie die Ringe den Saturn.
im Foto rechts: Charles Schneider, Ortsgruppenleiter und Betriebsobmann der Rombacher Hütte im Jahr 1943 – fanatischer Nazi und Antisemit

Schneider nach seiner Inhaftierung im Jahr 1946
Wenn wir über Täter in unseren Familien forschen und berichten, integrieren wir diesen fehlenden Teil unserer Familiengeschichte in unsere lebendige Erzählung und treten damit oft viele Jahrzehnte später endlich aus dem Bann des Schweigens und des Personenkults heraus.
Sowjetische Kriegsgefangene in Frankreich
Frankreich, 4.November 2019: ich fahre in die Stadt Boulay Moselle und warte am alten Bahnhof, der schon lange stillgelegt ist, auf den Lokalforscher und Menschenrechtsaktivisten Becker. Er erzählt:
„Die sowjetischen Kriegsgefangenen kamen nach einer wochenlangen Fahrt aus dem Osten am Bahnhof Boulay an und mussten zu Fuss den langen Marsch ins Lager antreten, das außerhalb von Boulay in den Feldern lag. Ein Bäcker, der den Hungernden heimlich Brot zusteckte, verschwand spurlos.“

Wir drücken uns gegen die Hauswand. Es regnet an diesem Montag nachmittag wieder und die Stadt Boulay wirkt wie ausgestorben. Becker trägt Gummistiefel und Parka. Ich lasse mein Auto stehen, steige in seinen alten Twingo und fahre mit ihm über die Felder bis wir an den einstigen Maginot-Stützpunkt in le Champ du Ban-Saint Jean ankommen, den die Nazis 1941 zu einem Transitlager für sowjetische Kriegsgefangene umfunktionierten. Wir sind alleine. Keine Menschenseele weit und breit.
Während wir auf eine etwas zurückversetzte Wiese am Wäldchen schauen, erzählt mir Becker, dass dort eine Gruppe von sowjetischen Kriegsgefangenen zwei Stunden nackt im Schnee im Kreis laufen mussten. Die SS versprach danach eine heisse Dusche. Die Dusche aber war dann eiskalt. Wieviele sowjetische Kriegsgefangene wurden in Frankreich durch die deutschen Besatzer ermordet?
Im Foto: Ausgrabungen von Massengräbern im Jahr 1945 auf dem dem ehemaligen Maginotstützpunkt le Champ du Ban-Saint Jean /Moselle / France Est
Zur Sklavenarbeit gezwungen und vernichtet
Schaut man genauer hin, sieht man, dass die ganze Region im tiefen Westeuropa unter deutscher Besatzung übersät war von geheimen Folterlagern, SS Sondergefängnissen für die Inhaftierung von Leuten aus dem Widerstand, und Baracken für die zur Sklavenarbeit gezwungenen Menschen.

Gedenkstein für die getöteten ukrainischen Zwangsarbeiter in der französischen Stadt Boulay
Mit dem Zug und zu Fuß setzte man die Zwangsarbeiter jeden Morgen zu ihren Arbeitsstätten in Bewegung. Struthof hatte über 70 Aussenlager in Frankreich und Deutschland. Die meisten Häftlinge haben das Stammlager Struthof, das zu den schlimmsten KZs überhaupt gehörte und eine Sterblichkeitsrate von 40 % hatte, nie gesehen. Sie wurden durch das Programm Vernichtung durch Arbeit in den Betrieben und Bergwerken in der Region überall eingesetzt und ermordet. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Deutschen, als sie aus der Region abziehen mussten, die sowjetischen Kriegsgefangenen einfach am Straßenbiegungen erschossen und liegen liessen. Zurück in Deutschland gingen die meisten deutschen Kriegsverbrecher straflos aus und lebten unauffällig als Briefmarkensammler oder Hühnerzüchter.
Der Historiker Christian Streit, der seine Studie über das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen 1978 in Deutschland veröffentlichte, berichtet, dass rund 5,7 Mio Menschen in deutscher Kriegsgefangenschaft starben. Er schreibt:
„Das Jahr 1941 war das letzte Jahr, in dem die deutsche Führung im Rahmen der selbstgesetzten Grenzen frei entscheiden konnte. In diesem Jahr fielen die Entscheidungen, die den weiteren Verlauf des Krieges prägten – Entscheidungen, die der nationalsozialistischen Politik eine neue Qualität gaben. Alle diese Entscheidungen – die Entscheidung, die Verfügungsgewalt des Heeres im Operationsgebiet entscheidend einzuschränken, in diesem Bereich den Einsatzgruppen der SS ihr Mordhandwerk zu gestatten und damit die Position der SS bedeutend aufzuwerten; die Entscheidung, einen großen Teil der sowjetischen Gefangenen erschießen zu lassen; die Entscheidung, im Rahmen der Partisanenbekämpfung die Juden und große Teile der sowjetischen Bevölkerung auszurotten; die Entscheidung, die Völker des östlichen Europa auf den Status von Kolonialvölkern herabzudrücken; die Strukturwandlung der Konzentrationslager von Straflagern in gigantische Produktions- und Vernichtungsstätten; und schließlich die Entscheidung, das europäische Judentum in seiner Gesamtheit auszurotten – all diese Entscheidungen standen im engsten Bezug zum ideologischen Ausrottungskrieg im Osten. „[1]
[1] Christian Streit; Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945, Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt, 1980, S. 10

Nazis – Keine Zeitzeugen in der Familie
Wenn man im Privaten forscht, findet man Fotos, die die Täterschaft beweisen in Deutschland in der Regel nicht. Aber selbst wenn man das Foto hat, muss man in der Familie viel Überzeugungsarbeit darüber, dass Familienmitglieder sich an Kriegsverbrechen beteiligt haben, leisten. Sie waren Mörder. Jede Familie ist anders, aber viele Familien ähneln sich in diesem Verhalten. Man muss den inneren Kampf, den die anderen in dieser Sache mit sich haben, mittragen. Aber man muss auch viel Forschungsarbeit vorlegen, die es erlaubt, diese Tatsachen auszusprechen, damit es überhaupt zu einem Prozess der Anerkennung der Tatsachen kommen und eine ethische Frage gestellt werden kann.
Foto: Schneider während der völkerrechtswidrigen deutschen Besatzung der Stadt Rombas mit dem damals eingesetzten deutschen Bürgermeister Georges Bauer.
Die Ermittlungsakte
Das Studium der Ermittlungsakte in einem französischen Archiv war für mich eine Sensation. Endlich bekam ich Berührung mit einer historischen Realität.

Ich höre die Archivare auf dem Flur scherzen, während draußen Mauersegler mit schrillem Schrei die warmen Innenhöfe durchfliegen, in der Luft stehen bleiben, flattern und wieder zurückkehren.

Es kommt beim Sichten der Akten zu diesem springenden Punkt bei einem selbst. Man kommt zu sich, als sei man von einer langen Krankheit genesen.
Die Gerichtsakte in den öffentlichen Archiven –
Geradezu fasziniert hat mich der Aktendeckel der Metzer Gerichtsakte, der für die kommenden Gefängnisjahre Schneiders immer wieder herhalten musste und auf welchem markiert, durchgestrichen, kommentiert, Zuordnungszahlen doppelt in rot und blau umrandet, wo Reise- und Übersetzungskosten für die Zeugen addiert, Zeugenlisten notiert sind, und wo ein quadratischer weißer Notizzettel mit einer Nadel angepinnt folgenden Text hat:
„Schneider, Charles – von der Amnestie ausgeschlossen – die Strafe noch nicht abgebüßt – Ortgruppenleiter und Betriebsobmann in Rombach – verantwortlich für Austreibungen und Deportationen. 18.12.1953“

Das ging so lange, bis der Aktenumschlag an seinen Rändern ganz zerfressen vom vielen in die Handnehmen der Justizangestellten war, die drei Gnadengesuche Schneiders und drei Generalamnestien des Staates bearbeiten mussten, aber all das ohne Erfolg für den Gefangenen verlief. Sie haben Schneider einfach nicht rausgelassen.
Hunde – die Radikalisierung – Analyse eines Gruppenfotos
Beim Sortieren und Archivieren in den verschiedenen Wissenscontainern passiert irgend etwas mit mir. Nachts habe ich auf einmal grauenhafte Träume, von denen ich schweißgebadet aufwache. Ein Hund springt mich spielerisch an.
Es gab eine merkwürdige Entwicklung in der Familie Schneider in Rombach mit den Hunden. Hunde waren zunächst freundliche und liebe Tiere. Sie waren Familienmitglieder. Unter dem Einfluss der Nazis veränderte Schneider das. Er fing an, mit Hunden seine Macht in Rombach durchzusetzen, aber auch in der Familie.

Nero, der treue Neufundländer
„Wir hatten Nero, den Neufundländer, der eine rote Schleife um den Hals gebunden hatte. Der brachte dem Vater das Essen auf die Hütte. Der war so gut. Mit dem konnte man spielen, alles machen.“ berichtet M.

Der Schäferhund Harras
„Harras kam nach Nero. Der schnappte seine Menschenopfer an der Kehle und wartete dann auf den Befehl zuzubeißen. Harras war auf Kehle dressiert. Den durften wir nicht anfassen.“
Der sowjetische Schriftsteller Vasily Grossman berichtet aus Treblinka, dass Kurt Franz, einer der Treblinka Kommandanten, seinen Hund Barry darauf abgerichtet habe „to leap up at the doomed people and tear out their sexual organs.“ (Vasily Grossman; Die Hölle von Treblinka, September 1944)

Und jetzt wird mir beim Forschen deutlich: Die Kinder, die die Hunde liebten, mit ihnen spielten, sie küssten und herzten, verloren Nero, den gemütshaften Neufundländer.
Aber was war passiert?
Deportationen, Folter, Mord und Plünderei
Heute mit J. telefoniert und ihr aus dem Aktenstudium in den Archiven und den darin dokumentierten Plünderungen Schneiders während der deutschen Besatzung berichtet. Er plünderte die Häuser deportierter Nachbarn. Er soll dabei scharfe Hunde eingesetzt haben. Sie hört mir schweigend zu und sagt dann mit glockenheller und etwas atemloser Mädchenstimme, sie erinnere sich jetzt, dass ihr Vater mal mit einen Hund zurückkam, der halb totgeschlagen war und den sie dann einschläfern lassen mussten.

Im Foto: eine Zeichnung von dem geheimen Folterlager der Gestapo und der SS im Fort Queuleu in der Stadt Metz.Quelle: ASSOCIATION DU FORT DE METZ-QUEULEU- pour la mémoire des internés-déportés et la sauvegarde du site – https://www.fort-queuleu.com/de/
Der Alltag in diesem in der Festung versteckten Folterlager begann ungefähr so: Es wurde mit der Faust an das eiserne Tor geschlagen; Die Wachen öffneten das Tor und die Inhaftierten mit verbundenen Augen und Händen wurden mit Fusstritten und Geschrei die steile Treppe hinuntergetreten, wo die SS mit den Schäferhunden wartete. Der deutsche Lagerleiter SS Georg Hempen hatte eine deutsche Schäferhündin, die auf Menschen abgerichtet war. Sie hatte den namen Alma.

Zeichnung aus einem sowjetischen Gulag.
Schäferhunde sind eigentlich Hütehunde.
Foto rechts: Gedenkstätte Fort Queuleu – Verhörraum – der Verwalter des SS Sonderlagers Georg Hempen war berüchtigt für seine Brutalität. Er wurde des sechsfachen Mordes angeklagt, entging aber einer Verurteilung, was heftige Proteste in Frankreich auslöste.
Bader, Uwe: Verfolgung und Folter in Metz 1943/1944. Georg Hempen und das Sonderlager in der Feste Goeben, informationen Nr. 72 (2010), S. 24ff.
Moisel, Claudia: Frankreich und die deutschen Kriegsverbrecher. Politik und Praxis der Strafverfolgung nach dem Zweiten Weltkrieg, Göttingen 2004, S. 203ff., 213ff.
Urteile des Landgerichts Oldenburg vom 17.9.1964, 13.5.1969 und Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 14.2.1966, in: Justiz und NS-Verbrechen, Bd. XXXII, S. 149ff.
Die dunkle Wolke –
Der 1946 in Frankreich verurteilte französische Kriegsverbrecher Charles Schneider darf im Gefängnis unter der Massgabe der Zensur und einer Vorschrift der Anzahl der Briefe sowie mit der Genehmigung der Gefängnisleitung Briefe an festgelegte Personen schreiben und empfangen. Es liegen 160 Briefe von 1945 bis 1955 vor, die Schneider an sein Kind schrieb. Das arme Kind schreibt ihm zurück. Es versorgt ihn mit Seife, Unterwäsche, Geld und Briefmarken, Orangen und Kuchen. Zu Weihnachten gibt es für Schneider Christstollen. Die immer wieder geäußerte Auffassung von Schneider, dass ihm Unrecht geschehen war, hat das alte Kind bis zum Ende seines Lebens nachgeplappert. Ich setze mich in Berlin an meinen Schreibtisch und beginne damit die Briefe zu transkribieren. Ein überwältigendes Gefühl des Ausgeliefertsein, der Verzweiflung und des Entsetzens steigt wie eine dunkle Wolke unter meinem Stuhl hervor und hüllt mich an meinem Schreibtisch ein, dringt in meine Berliner Realität ein, die ich doch jahrzehntelang so sicher vor den Familienproblemen wähnte. Es griff sich etwas Raum in mir. Es verschmolz etwas mit mir. Worum ging es hier?

19 11.1946 Cour de Justice de Metz:“Le Nazi Nr, 1 de la Vallee de l’Orne – la terreur de Rombas – Schneider est condamné aux travaux forcés à pèrpétuit“. Quelle: ASCOMEMO http://ascomemo.chez.com/
die kleine Putte – das Schmerzgedächtnis des kleines Kindes
Diese kleine Putte auf dem aufgeschlagenen Buch liegend, brachte mich auf die Fährte der stillen und wortlosen Trauer des Kindes um seine Mutter.

Die Kamera sieht mehr als das Auge. Auf der Fotografie entdecke ich das kniende Kind erst Jahre später.

Putten, liegend, knieend, fliegend

und heimlich staunend hervorlukend.
Die kleinen Putten bevölkern das ganze Haus. Wo ist Mama?
Aphrodite – Verbotene Liebe –
Die Frauenfigur der griechischen Aphrodite nachempfunden steht auf dem Treppenabsatz in ihrem Haus. Sie trägt eine Blumengirlande über der Schulter. Zu ihren Füßen und an ihrem Kopf liegt ein braunes Plüschhündchen, ein deutscher Schäferhund, welches sich in das Gesicht der Frau schmiegt.

„Da oben auf der Treppe, diese Skulptur. Sie erinnert mich an meine Mutter“ sagt mir nebenbei das alte Kind.

Familienkonflikte aus der Nazizeit dauern bis heute an. B. war zu sanft für den deutschen Nationalsozialismus. Sie war zu liebevoll und nachsichtig mit ihren Kindern. Schneider entmachtete diese Liebe und damit diese Frau, indem er sie von ihren Kindern isolierte. Unter Anleitung des Vaters wurden die Kinder zu Mittätern des sozialen Ausschlusses der Mutter in der Familie.

Im Müllerhaus: B. am Klavier sitzend mit ihren Schwestern

Den Sohn verloren, das Müllerhaus verloren, die Heimat verloren, isoliert, vereinsamt und von ihrem Mann zu allem gezwungen, nimmt sich B. im Jahr 1947 das Leben. Und das Kind hatte seine Mutter so geliebt.
Schneider wird das Kind nach dem Selbstmord der Mutter erfolgreich dazu abrichten, nun für ihn zu sorgen. Das Kind erkaltet und wird ein Eisvogel. Schillernd im Charakter und blitzschnell im Angriff, seine Ängste und Liebe von nun an immer verbergend.
Auf der Höhe der Grande Rue in Rombach befand sich im 15. Jahrhundert eine Armenspeisung, eine Pitancerie, die von den Glaubensbrüdern des Klosters von Saint-Pierremont betrieben wurde. Von diesem Kloster, welches von einem Augustinerkloster des 11. Jahrhundert abstammte und 1622 von dem französischen Priester Pierre Fourier reformiert wurde, ist wie auch von der Armenspeisung nichts mehr da, außer einem Relikt, einem Bildstock, Jesus Christus am Kreuz, der in eine Hauswand eingelassen ist, und den das kleine Mädchen gut kannte.

Foto: Rechts von Jesus Christus steht die heilige Jungfrau und links der Heilige Johannes, wie so oft bei bei den Kalvarien – les fameux Bildstocks! -, wie mir Historiker von Rombas Auskunft geben. Über dem Kreuz steht der heilige Petrus mit dem einzigen Schlüssel zum Paradies.
La très Sainte Vierge Marie –
Der gelbe Stein, Jaumont-Stein genannt aus dem Jurazeitalter, ist eine Sandsteinart, der in Malancourt la Montagne bei Metz noch heute gewonnen wird. Viele bedeutende Bauwerke im Département Moselle wie der alte Bahnhof, der Justizpalast von Metz aber auch die Metzer Kathedrale wurden mit diesem Stein gebaut.
Im Foto: die Mariensäule in Metz auf dem Platz St. Jacques. Sie wurde 1924 eingeweiht, um der Jungfrau Maria dafür zu danken, dass die Stadt im Ersten Weltkrieg verschont blieb. Sie trägt die Inschrift: “ La Ville de Metz – Reconnaissante – 1914-1918 “
Je vous salue Marie !
Zuhause –
Und jetzt erscheint sie mir:
das kleine Mädchen rennt die steile Grande Rue hoch zum Guissebonne Richtung Müllerhaus. Als ihr Blick auf das an der Hauswand eingebrachte aus gelben Sandstein gehauene verwitterte Gesicht von Jesus fällt, bekreuzigt sie sich hastig dreimal und rennt weiter. Die Farbe von ihrem Zuhause war von einem weichem Gelb. Sie war ein feinfühliges und starkes Mädchen, dass im Müllerhaus am Guissebonne bei den Bergarbeitern zuhause war.
Als ich im November 2019 in der Grande Rue stehe, sehe ich im Fenster eines Nachbarn ein kleines Bologneser Hündchen, der Bichon Italiens, der mich anschaut. Seine Ohren mit dem seidenen Fell wehen ein wenig im Wind.

Untergegangene Kindheit
Im beginnenden Winter des Jahres 2012 reiste ich zu J. aufs Land, um einige Tage bei ihr zu verbringen. Ich wollte sie über ihre Kindheit in Frankreich während der 1930 und 40er Jahre befragen. Sie quartierte mich in dem seit langem unbewohnten Dachgeschoß ein. Sie bekam nur noch wenig Besuch. Es fiel Schnee in der Nacht. Es war kalt. Heizen durfte ich nicht. Sie sagte mir, sie schlafe auch kalt und das mache nichts. Sie war böse mit mir, aber ich wußte nicht warum. Sie hat mich für meine Nachforschungen in der Familie regelrecht gehasst. Aber sie war es, die mir die Gefängnisbriefe des Rombachers Schneider in einen billigen roten Ringordner auf den Tisch warf und andere Briefe aber verschwinden ließ. Sie gab immer Doppelbotschaften von sich.

Blick vom Müllerhaus
Wenn ich in ihrer Küche saß und ihr zuhörte, tauchten wie bei anbrechender Dämmerung in der Südsee die abgestumpfen Gipfel der Archipel, ihre Kindheitserinnerungen schemenhaft, erratisch und isoliert auf. Aber vor ihnen lagen die schönen Mythen wie Tintenwolken als Rest der Nacht. Untergegangene Kindheit, sagenumwobendes Vineta.

Im Bergmannsgarten
J. hatte in sich Gefühle und Erinnerungen präzise gespeichert. Das spürte ich ganz genau, und doch gab sie diese mir so gut wie nie preis. Reissverschlussmund.
Während wir forschen, denken wir im Stillen und erkennen die Welt
Diese Arbeit widmet sich der Erforschung und Bewahrung der Geschichte von Individuen, der Geschichte von uns, den Einzelnen im kollektiven Geschichtsprozess. Es ist eine Forschung aus dem Privaten über das Private. Richtungskämpfe, soziale Bewegungen, Transformationen von Gesellschaften spielen sich in jedem einzelnen Individuum in der Familie unterschiedlich ab. Nicht Führungen, nicht Parteien, sondern die einzelnen Menschen machen Geschichte.
In meinem Forschungsansatz arbeite ich bewusst mit dem subjektiven Ansatz und versuche selbstkritische Methoden beim Beobachten der Geschichte sowie eine Technik der Archivierung des individuellen Geschichtsgedächtnisses zu entwickeln.
Familien-Geschichtsforschung ist für die Person, die sie betreibt, ein anspruchsvoller emotionaler und intellektueller Erkenntnisprozess, der viele Jahre, manchmal Jahrzehnte anhalten kann und für diejenigen, die im erschlossenen Feld forschen, eine Fundgrube. Familienforscherinnen sind Pioniere in unseren Gesellschaften. Sie rekonstruieren Familienverbände, deren Spuren sich verloren, und sie erschliessen unbekanntes psychisches Gebiet durch das Dickicht der Konflikte. Aus dieser physischen und emotionalen Erfahrung ist die Methode entstanden, die ich hier darstelle und nun mit all jenen teile, die sich an Familienforschung wagen, wo auch immer du lebst, ob in China, Palestina, Schweden, Russland, in Israel, Nordkorea, Vietnam, Nordamerika oder im Iran. Die hier dargestellte Methode schafft Räume für die Komplexität unserer individuellen Geschichten und bringt Tempo in die Sache der Erschliessung.
Die historischen Schwerpunkte dieser Arbeit bilden die 12 Jahre andauernde Terrorherrschaft der NSDAP unter Adolf Hitler in Deutschland (1933-1945) und die Terrorherrschaft der KPDSU unter Josef Stalin (1924 -1953) in der damaligen Sowjetunion-Russland. Beide Regime waren totalitäre Regime, die Macht weltweit anstrebten, angrenzende Staatsgebiete überfielen und besetzten, die Menschen, die dort lebten, entrechteten, und sie, sowie ihre Städte vernichteten. Das hatte weitreichende Folgen in Europa. Neue Grenzen wurden gezogen, Menschen vertrieben, Archive verbrannt. Und wieder wurden Länder besetzt. (Ungarn 1956, CSSR Prager Frühling 1968)
Diese Regime und die Bürgerkriege der willkürlichen Gewalt wie beispielsweise der spanische Bürgerkrieg 1936-1939 hinterliessen einen tiefen Abdruck von Zerstörung in den Menschen Europas. Alle waren davon betroffen. Und darum wird es bei den Menschen, denen ich begegne, und deren Geschichten ich erzähle, gehen. Es sind schmerzliche und schöne, tragische und heitere Schicksale, die im Verborgenen geblieben wären, hätte nicht eine gute Seele etwas von dem Anderen bewahrt, und wäre da niemand gewesen, der gefragt und notiert hätte. Wir lernen hier vom Leben. Familienforschung und das in die Welt bringen der Geschichte des Einzelnen ist ein Akt der Aufklärung, der Selbstbehauptung, der Emanzipation und der Liebe. Beim Forschen verstehst du: verdunkelt sich auch der Horizont, so ist doch der mitfühlende und handelnde Mensch das Licht der Welt.
Berlin, 20.Juli 2026
Gabriella Sarges
– beobachten – festhalten – beschreiben – erfahren –
„I noticed that there was something
Something strange happened to me
I feel that i used to shrink away from problems
Wether it be family or tribal
I was afraid of everything
Afraid of making mistakes
Or afraid of beeing rejected
And all the things that go with it
Today i have hard time keeping quiet
All there is to know about my culture.“
This sektion is a work in progress