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I – 4 – Stumpfheit

Psychologische Stumpfheit – konstatierte der Psychiater und medizinische Gutachter der Verfolgten William G. Niederland bei den Deutschen gegenüber den Opfern, als es um deren Entschädigungen für die Haftschäden in Konzentrationslagern vor den deutschen Sozialgerichten ging. Diese Feststellung habe ich mir gemerkt. Ich spürte sofort, dass Niederland mit Stumpfheit einen zutreffenden Begriff gefunden hatte, der ein Syndrom bei den Deutschen beschrieb, die den Alltag des Massenmordes erlebt und mitgeschaffen hatten. Im Foto rechts: William Niederland im Jahr 1940.

Henry Krystal

Henry Krystal, 1925 geboren in dem schlesischen Dorf Sosnowiec, Sohn von Hermann Herschel und Devorah Grossman, wurde von den Deutschen 1942 als Arbeitssklave in den Stahlwerken Strachowice bei Wroclaw eingesetzt, bis er dann 1944 in das etwa 200 Kilometer entfernte Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurde. Krystal überlebte und wanderte nach Amerika aus. Er wurde Psychiater und prägte zusammen mit den Kollegen Robert Jay Lifton, Ulrich Venzlaff und William G. Niederland die Theorie vom Überlebendensyndrom (1966),  die uns heute als die Posttraumatische Belastungsstörung bekannt ist.

„Traumatisierte Menschen leiden an einem gesteigertem Erinnerungsvermögen. Hypermnesien sind beispielsweise, überscharfe und mit starkem Affekt geladenen Erinnerungen, ein Gefühl des ständigen Bedrohtseins, die Zermürbung des Personenganzen, häufig akute Todesangst, die generelle Verunsicherung der mitmenschlichen Bezüge, die Überflutung des geistigen Ich-Gefüges durch den unaufhörlichen Ansturm von Beschimpfungen, Verleumdungen und Anschuldigungen.“

William G. Niederland; Psychiater der Verfolgten; ein Portrait, Autorin: Wenda Focke, Würzburg, Verlag Königshausen und Neumann, 1992

Niederland, William G.; Folgen der Verfolgung: Das Überlebenden Syndrom. Seelenmord. Edition Suhrkamp. Frankfurt Main, 1980,

Fotos @Wenda Focke