Methode – 17 – Das Lesenlernen der Fotografie
Das Lesenlernen der Fotografie –
Das Rekonstruieren von Familiengeschichte verlangt Selbstkontrolle. Ich merke an mir, dass ich die Neigung habe, etwas in eine Fotografie hineinzusehen, was auf der Fotografie aber nicht abgebildet ist. Ich starre. Was suche ich? Habe ich Sehnsucht nach etwas? Hole ich es so herbei? Vermisse ich etwas? Oder läuft die Sache umgekehrt: drängt sich meinen Blicken etwas aus vergangener Zeit auf? Starrt es also aus mir heraus und prägt es meinen Blick auf die Realität? Starre ich etwas weg? Prägen Ereignisse, die ich zudem nicht einmal kenne, meine Realitätswahrnehmung heute? Überzeichnet dieses von innen nach aussen sich Drängende meine Wahrnehmung wie ein Farbfilter dies tut, den ich auf eine Fotografie lege?

Wenn man aus einer zersplitterten Familie kommt, ist es möglich, dass man die Leute, die auf dem Foto abgebildet sind, nicht erkennt, obwohl man sie kennt. Man hat sie in seinem eigenen geistigen Auge eliminiert und wird blind für die abgebildete Realität. Man lernt also beim genauen Betrachten einer Fotografie etwas über seine eigene Wahrnehmung. Du lernt aber auch, dass J. dieses Foto nie richtig kommentiert hat.