Beispiele – 2 – Ich wurde im Gulag geboren
Ich wurde im Gulag geboren –
„Mein Vater kommt aus der deutschsprachigen Minderheit in der Tschechoslowakei (CSSR). Die Urgroßeltern väterlicherseits waren ungarischer Abstammung. Z’s waren Uhrmacher so seit dem 14. oder 15 Jahrhundert. Mütterlicherseits stammt meine Familie von den deutschen Schwaben aus dem 16. Jahrhundert ab und waren Wolgadeutsche. Von meiner Familie ist so gut wie niemand mehr da. Ich bin ein Überbleibsel.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 trieben die Russen deutsche Kriegsgefangene durch die Straßen. Die Leute standen an den Straßenrändern und schauten, was da los ist. Und da passierte es, dass deutsche Kriegsgefangene aus der Kolonne in die deutschen Häuser oder Heuschober sprangen und verschwanden. Bei den Sowjets aber musste die Zahl stimmen und dann haben die sich irgendjemand stattdessen gegriffen, der dann mitmarschieren musste. Und so griffen sie meinen Vater. Meine Eltern lernten sich in der Zwangsarbeit kennen. Ich wurde im Gulag geboren. Ich kann mich an fast nichts erinnern. Es ist ja nicht nur eine schwache Erinnerung. Man hatte ja einfach keine Vorstellung, wo man war. Es war einfach alles unvorstellbar.
Meine Mutter ist Wolgadeutsche aus dem Dorf Remmler. Während der Säuberungen 1937/38 in der Sowjetunion unter Stalin wurde sie mit anderen Wolgadeutschen deportiert.

diese Sehnsucht …
Meine Mutter hat immer gesungen. Sie sang immerzu russische Lieder … überall … … diese Sehnsucht … … Die Kinder sind mit den Pferden in der Wolga geschwommen! Die Menschen konnten nicht schwimmen, aber die Pferde konnten schwimmen. Die Kinder hielten sich am Pferdeschwanz fest und gingen mit den Pferden in die Wolga.“
Das Interview habe ich im Juni 2026 geführt.
Foto: die Solowetzki Inseln im Jahr 1995. Auf den Solowetzki Inseln im weissen Meer entstand im Jahr 1923 der Prototypus des sowjetischen Straflagersystems.