I – 18 – schuldig geboren
Schuldig geboren –
Wir haben in unserer liberalen Demokratie liberale Formen des sozialen Umgangs erworben und sie tief institutionell implementiert, aber im Privaten tobt immer weiter der Familienkonflikt. Wenn man Peter Sichrovski’s Buch „Schuldig geboren“, er interviewte in den 1980er Jahren Nazikinder, liest, fällt auf, wie wenig sich in Bezug auf den Ursprung des Konflikts und die aus ihm entstehenden Problemstellungen bis heute geändert hat, obwohl die Veröffentlichung fast 40 Jahre zurückliegt und bereits eine Generation nachgewachsen ist. Sichrovski schreibt:
„Als jedoch die Kinder der Nazis ein Alter erreichten, in dem sie die wahre Rolle ihrer Eltern während des Krieges erfuhren, wurden sie oft selbst zu Opfern – zu Opfern ihrer Eltern. Viele der Interviewpartner präsentierten sich in dieser Rolle. Als Opfer einer Mentalität, die, wenn auch der Krieg verloren war, doch wenigstens im eigenen Heim eine faschistoide Denkweise fortsetzte. Der äußere Rahmen hatte sich geändert, Deutschland und Österreich waren längst demokratische Staaten, doch das nationalsozialistische Gedankengut saß tief verwurzelt in den Köpfen der Täter und Mittäter, so dass die Generation nach dem Krieg mit einer demokratischen Umgebung einerseits und mit einer faschistoiden Familienstruktur andererseits konfrontiert wurde.“ Peter Sichrovsky;Schuldig geboren. Kinder aus Nazifamilien; Köln, Kiepenheuer&Witsch, 1987, S.17f
Foto: „Daimler-Benz Aktiengesellschaft – Wir dienen der Nation“ – Quelle: Ausstellung Gedenkstätte Natzweiler-Struthof