Beispiele – 10 -die traurigen Augen von Onkel Rudolf
die traurigen Augen von Onkel Rudolf
An der Fotografie der Wehrmachtsoldaten blieben unsere Gedanken hängen. „Hebs gut auf!“ sagte N. mir. „Es ist die einzige Fotografie, die wir haben. Dabei war er vollkommen apolitisch“, sagt N.. „Karlsbad war doch weltberühmt. Da waren Fürsten und Kaiser. Goethe war dort. Das war doch eine ganz andere Welt.“
Foto rechts: unter dem Stahlhelm sieht Onkel Rudolf aus wie alle anderen Wehrmachtssoldaten. Schauen wir aber genauer hin, erkennen wir seine traurigen Augen. Onkel Rudolf war Chefportier im Hotel Imperial in Karlsbad und hatte sich mehrere Sprachen autodidaktisch beigebracht, um seine Gäste gut zu unterhalten.

Auf der Rückseite der Fotografie ist eine Notiz von Onkel Rudolf: “ Vor der Abfahrt von Ede 25/06-40 für N. zur Erinnerung“. N. hat in ihrem roten Notizbuch alle Adressen und Lebensdaten ihrer Familienmitglieder notiert. Niemand darf verloren gehen.

Ob er sich wohl umgebracht hat? fragt N. und schaut mich an. Der Suizid deutscher Wehrmachtssoldaten an der Ostfront ist ein gesellschaftlich fest etabliertes Tabu, aber in den Familien wird darüber gesprochen. Nachdem 1938 Böhmen, das zum Staatsgebiet der Tschechoslowakei gehörte, an das deutsche Reichsgebiet angeschlossen wurde, wurde Onkel Rudolf für den Einsatz an der Ostfront im Juni 1940 eingezogen. Seit dem 10.10.1944 galt er als vermisst.